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Der weltweit älteste Aquarienfisch ist tot

Heute früh war ich sehr traurig, denn Spiegel Online meldete, dass in Chicago der älteste Aquarienfisch der Welt gestorben ist. Aber eigentlich ist er gar nicht selbst gestorben, sondern er wurde gestorben. Sagt man nicht? Okay, er wurde eingeschläfert. Das ist aber auch eine komische Formulierung, denn „Einschlafen“ suggeriert, dass man irgendwann wieder aufwacht.


Sprache ist hier sowieso seltsam, denn wenn der älteste Fisch gestorben ist, gibt es dann keinen ältesten Fisch mehr? Offenbar doch, denn es gibt jetzt sicher einen anderen ältesten Fisch. Also kann der älteste Fisch gar nicht gestorben sein. Wenn es aber immer einen ältesten Fisch gibt, dann muss er unsterblich sein und nicht eingeschläfert. Und wenn der letzte Mensch einmal sterben wird, dann doch eigentlich zwei, denn der letzte wird zugleich der jüngste und der älteste sein.

„Sprache erfüllt immer genau die kommunikativen Bedürfnisse ihrer Nutzer“, hat mir mal jemand gesagt. Der älteste Fisch (oder der älteste Mensch) ist aber ein Fall, wo es zwischen dem Denken und dem mit Sprache Ausdrückbaren eine seltsame Differenz gibt. Jeder weiß, was gemeint ist, aber an der richtigen Formulierung scheitert man, und je präziser man es fassen will, desto größer wird die Verwirrung.

Fisch hat etwas mit Wasser zu tun und ich kenne einen Ausländer, der gerade mit den Feinheiten der deutschen Sprache kämpft. Ein deutscher Muttersprachler weiß, dass von den folgenden Sätzen einige „richtiges“ und andere „falsches“ Deutsch sind, aber ein Ausländer?

  • Ich bin abgesoffen.
  • Ich habe abgesäuft.
  • Ich bin ertrunken.
  • Ich habe ertränkt.
  • Er ist abgesäuft.
  • Er ist abgesoffen.

Der älteste Aquarienfisch der Welt war übrigens ein Lungenfisch. Kann ein Lungenfisch ertrinken?

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  1. Solminore
    9. Februar 2017, 11:49 | #1

    Es gibt zwei Arten von Bedeutung. Die Referenz, die sich auf einen ganz bestimmten Gegenstand der Welt bezieht; und die Intension, die sich auf die Gesamtheit aller mit einem bestimmten Begriff korrekt zu bezeichnender Gegenstände (der Menge aller möglichen Referenten) bezieht.

    Daraus ergibt sich eine interessante logische Verwicklung, weil sprachliche Ausdrücke hinsichtlich ihrer Referenz bzw. Intension mehrdeutig werden können. Der Präsident der vereinigten Saaten kann, zu einem bestimmten Zeitpunkt geäußert, „die Person namens Donald Trump“ (Referenz) oder, zu einem anderen Zeitpunkt geäußert „Thomas Jefferson“ (Referenz), oder „jede Person, die tatsächlich oder gedacht Amstinhaber der amerikanischen Präsidentenschaft ist“ (Intension) sein. Eine der logischen Verwicklungen ist, daß die Identität nicht mehr gilt. Wenn A die Eigenschaft p hat und A = B, dann darf man sagen, B hat die Eigenschaft p. Aber wenn Elektra nicht weiß, daß der Fremde ihr Bruder ist; und wenn Orest Elektras Bruder ist — dann gilt, vorausgesetzt, daß der Fremde = Orest, trotzdem nicht, daß Elektra nicht weiß, daß Orest ihr Bruder ist, das heißt, man kann Intensionen und Referenten nicht gleich behandeln. Die Sprache tut das aber.

    Etwas Ähnliches passiert mit dem ältesten Fisch, wenn wir einmal das Konzept des ältesten Fisches (welches konkrete Tier das nun immer sein mag) und einen ganz bestimmten Fisch, der der älteste ist, sprachlich gleich behandeln. Überspitzt formuliert: Ein bestimmter Fisch stirbt irgendwann, das Konzept des ältesten Fisches niemals — solange es Fische gibt.