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Der Bart ist ab,

nach achtzehn Jahren. 1989 waren wir zu sechst, drei Pärchen, im Fogarazgebirge in Rumänien gewesen. Vierzehn Tage ohne sich einmal zu rasieren und ohne einmal in den Spiegel zu blicken. Nach dem Ende der Tour waren wir nach Budapest gefahren, das Mekka für DDR-Touristen. Von den Querelen an den Grenzen des Ostblocks zum Westen wussten wir noch nichts. Aber wir hatten gehört, dass die Ungarn in Budapest ein Lager für DDR-Bürger haben, mit kostenloser Übernachtungsmöglichkeit. Bei früheren Besuchen hatten wir meist im Stadtpark oder auf dem Bahnhof geschlafen, das war den Ungarn dann wohl leid.

In diesem Camp sah ich zum ersten Mal nach den zwei Wochen mein unrasiertes und sonnenverbranntes Spiegelbild. „Sieht gar nicht so übel aus“, dachte ich mir damals. Zuvor, während des Studiums, hatte ich es bereits einmal einige Zeit getestet. Aber nachdem ein Kommilitone gelästert hatte, „den Ingenieurstudenten erkennt man an seinen Jesuslatschen, der Jeanshose, dem karierten Hemd – und – seinem struppigen Vollbart“, hatte ich ihn schnell wieder entfernt. 1989 war ich dann Assi an der Hochschule und sehr pragmatisch eingestellt. Es war verlockend, statt jeden oder jeden zweiten Tag sich rasieren zu müssen, nur einmal in der Woche ein wenig den Hals frei zu schaben und ein bisschen mit Schere und Kamm im Gesicht herumzuschnippeln. Man hing eh den ganzen Tag mit den immer gleichen Kollegen im Labor herum.

Später dann, als die Konsumtempel des Westens auch bei uns errichtet worden waren, kaufte ich mir einen Bartschneider. Der leistete lange Zeit gute Dienste. Einmal ließ ich ihn, DDR-Bürger gelernt ist gelernt, reparieren, und bekam fast einen Herzschlag, weil die Reparatur fast so teuer wie ein neues Gerät war. Beim zweiten Versagen kaufte ich mir den nächsten. Dieser hielt bis jetzt, bekam aber immer mehr seine Mucken, d.h. es ziepte von Mal zu Mal mehr. Ich musste mich entscheiden, nächster Bartschneider oder richtiger Rasierapparat.

Mit dem Nackig-machen im Gesicht hatte ich schon einige Zeit geliebäugelt, langsam werden meine Barthaare nämlich grau. Eine gute Freundin von mir pflegt an dieser Stelle zu widersprechen und zu sagen, dass es keine grauen Haare gibt. Es gibt nur unpigmentierte und pigmentierte Haare. Das Grau entsteht erst in einiger Entfernung aus dem Anblick der Mischung weißer und originalfarbiger Haare.

Den letzten Ausschlag gab ein Kollege mit derselben Heldentat Anfang der Woche. Gestern nachmittag habe ich mir einen Rasierapparat gekauft, am Abend musste der alte Bartschneider noch mal ran, es hat über eine Stunde gedauert, die Haut war ordentlich rot danach. Im Spiegel ein mir völlig fremdes glattes Gesicht, seit knapp zwanzig Jahren nicht mehr gesehen. Am gestrigen Abend habe ich mich noch einige Male vor den Spiegel gestellt, um mich an den ungewohnten Anblick zu gewöhnen. Theoretisch völlig klar: Dünneres Gesicht, spitzeres Kinn, hellere Farbe. Aber doch sehr fremd. Abends war ich im Keller, die Stirn warm, das Kinn kalt. Außerdem ein nie zuvor gespürter leichter Windhauch von der Nase an abwärts im Gesicht. Es fasst sich auch anders an, irgendwie noch taub, als ob jahrelang die Nerven im unteren Gesichtsbereich unbenutzt geblieben sind.

Nachdem ich mich fast selbst nicht wiedererkannt hatte, war ich heute auf die Reaktion meiner Kollegen gespannt. Zuerst, im Eingangsbereich, traf ich die Frau vom Chef, tauschte mit ihr ein paar Worte – nichts. Danach aber ein großes Hallo mit den nächsten drei, die in der Halle zusammen standen. Der Chef und ein weiterer Kollege wiederum – nichts. Und so ging es fast durchgängig. Ein Kollege, der mich am Vormittag mehrmals traf, sagte später zum Mittagessen: „Ich sehe es erst jetzt, du siehst ja so nackt aus, wie kommt’s denn?”

Das Verblüffendste war meine Lieblingskollegin. Die hatte mehrmals bei mir im Zimmer vorbei geschaut, unter anderem Huflattichblüten für meine Schildkröten gebracht. Bei dieser Gelegenheit hatten wir eine ganze Zeit miteinander geschwatzt. Erst als ich sie fragte: „Sag mal, fällt dir eigentlich nichts auf an mir?”, antwortete sie: „irgendwas war schon anders, aber ich bin nicht drauf gekommen.” Später habe ich noch mit einem anderen Kollegen, der mit meinem Bart-ab-Vorgänger eine Fahrgemeinschaft bildet, über das Thema gesprochen. Er: „Beim Thomas ist mir das am Montag auch nicht eingefallen. Ich saß die ganze Zeit im Auto und dachte nur: Komisch.”

Nach diesem Erlebnis erscheint es mir nicht mehr so ungewöhnlich, dass man die neue Frisur oder das Kleid der Frau oder Freundin nicht bemerkt oder die Augenfarbe seines Partners nicht weiß. Und man kann mir in Zukunft auch nicht mehr weismachen, dass Frauen Unterschiede im Aussehen besser als Männer wahrnehmen, Erfolgsquote bei ihnen heute: Null Prozent.

Es ist schon sehr seltsam, wie wenig wir wirklich sehen, und wie wir unsere mentalen Konzepte der Umwelt zusammenbauen. Es ist offenbar wirklich so, dass wir nur ganz wenige Informationen neu aufnehmen, der ganze Rest wird im Kopf aus dem bereits von früher Bekannten zusammengesetzt. Und es kann sehr lange dauern, bis das Bewusstsein aus dem unbewussten Datenfluss die neuen und relevanten Informationen herausgefunden hat.

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