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Demografie, Riester und Mackenroth

Ende des letzten Jahres hatte ich hier bereits den interessanten Artikel Alterssicherung und gesamtwirtschaftliche Entwicklung verlinkt, der kapitalgedeckte und umlagefinanzierte Alterssicherungssysteme miteinander vergleicht. Anlässlich des Besuchs eines Telefondesinfizierers Versicherungsvertreters in unserer Firma ist dieses Thema wieder in mein Bewusstsein gerückt.

Ein dazu passendes Bild anzeigen:


Passt doch gut zum Thema, oder? Eine Verballhornung einer Youtube-Anzeige, wenn mal wieder die GEMA ein Video für deutsche Besucher gesperrt hat. – Die GEMA, eine der drei beliebtesten Organisationen in Deutschland: GEMA, Schufa und GEZ.

Wie der Zufall es will, habe ich etwa zur selben Zeit einen neuen Beitrag gefunden, der sich mit dem Märchen, dass die Renten durch den demografischen Wandel gefährdet sind, beschäftigt: Produktivität schlägt Demografie. Die zentrale Aussage in diesem Text lässt sich in einem einfachen Satz zusammenfassen: Der Produktivitätszuwachs ist größer als die Änderung des Verhältnisses zwischen Rentnern und Arbeitenden. Die Demografie liefert deshalb keine Begründung dafür, warum es den Rentnern in der Zukunft schlechter als heute gehen sollte:

Beträgt der Produktivitätsfortschritt in den nächsten 50 Jahren durchschnittlich nur ein Prozent – und das ist eine sehr pessimistische Prognose für unsere Wettbewerbswirtschaft – so würden im Jahr 2060 in jeder Arbeitsstunde zwei Drittel mehr als heute hergestellt. Damit wäre ein Arbeitnehmer in der Lage, seinen Anteil für die gesetzliche Rente auf 20 Prozent zu verdoppeln und hätte trotzdem noch fast 50 Prozent mehr in der Tasche. Selbst ein absurd hoher Arbeitnehmer-Anteil von 30 Prozent für die Rente ließe ihm noch 28 Prozent mehr in seiner Tasche. Dazu käme dann noch der Arbeitgeberanteil, so dass die prognostizierte höhere Rentnerzahl sogar noch gut am Fortschritt teilnehmen könnte.


Hinter der Mantra-artig wiederholten Behauptung, dass die Renten durch den demografischen Wandel gefährdet seien, stecken also nicht diese tatsächlichen Veränderungen, sondern die weitgehend verschwiegene Annahme, dass auch in der Zukunft die Löhne und Gehälter langsamer als der Produktivitätsfortschritt steigen werden. Die höheren Gewinne durch Produktionssteigerungen und Produktivitätsgewinne werden stattdessen zu einer Erhöhung der Kapitalgewinne genutzt.

Vor einiger Zeit wurden von der Politik neue Instrumente geschaffen, die den Anreiz für die Arbeitenden vergrößern sollen, kapitalgedeckt vorzusorgen. Der gelernte Fliesenleger Riester hat dafür seinen Namen hergegeben. Für die sogenannte Riesterrente schießt der Staat aus Steuermitteln Gelder zu. Die dadurch hervorgerufenen Effekte: Da der Arbeitnehmer einen Teil seines Einkommens in Finanzprodukte steckt, fällt dieser Teil seines Arbeitseinkommens für die Nachfrage aus – die Realwirtschaft wächst deshalb langsamer. Außerdem fehlen die vom Staat zugeschossenen Steuermittel an anderer Stelle oder führen zu Steuererhöhungen – was ebenfalls die Nachfrageseite schwächt.

Wem das nützt, lässt sich leicht ausmachen: Es wird mehr Geld in die Finanzwirtschaft gepumpt, die Menge an Geld in Bezug auf die Realwirtschaft wächst weiter an. Perverserweise wird damit die Ursache der „Rentenkrise“ – nämlich, dass es eine Umverteilung von Arbeitseinkommen zu Kapitaleinkommen gibt – weiter verstärkt, denn jetzt steht ja für die Konsumtion noch weniger Geld zur Verfügung.

Auch eine andere Veränderung der letzten Jahre zeigt in dieselbe Richtung: Während früher die private Altersvorsorge aus versteuertem Einkommen erfolgte und dann die spätere Auszahlung steuerfrei war, kann man jetzt aus dem Bruttoeinkommen heraus sparen und muss die Einkünfte bei der Auszahlung versteuern. Der Effekt: Heute wird mehr Geld in die Finanzwirtschaft gepumpt, während der Einzelne später wenig bis gar nichts davon hat. (Und man kennt die (Steuer)Verhältnisse in der Zukunft nicht.)

Das Traurige daran ist, dass es die Rentenprobleme nicht lösen wird. Denn Mackenroth, den ich in dem vorangegangenen Artikel bereits zitiert hatte, sagt in der nach ihm benannten These:

Nun gilt der einfache und klare Satz, daß aller Sozialaufwand immer aus dem Volkseinkommen der laufenden Periode gedeckt werden muß. Es gibt gar keine andere Quelle und hat nie eine andere Quelle gegeben, aus der Sozialaufwand fließen könnte, es gibt keine Ansammlung von Periode zu Periode, kein ‚Sparen‘ im privatwirtschaftlichen Sinne, es gibt einfach gar nichts anderes als das laufende Volkseinkommen als Quelle für den Sozialaufwand … Kapitalansammlungsverfahren und Umlageverfahren sind also der Sache nach gar nicht wesentlich verschieden. Volkswirtschaftlich gibt es immer nur ein Umlageverfahren.

Oder volkstümlicher ausgedrückt: Auch wenn ich dreißig Jahre meines Lebens Geld dafür spare, dass ich mir als Rentner meine Brötchen kaufen kann und mir der Hintern abgewischt wird – das Brötchen muss am selben Tag in meinem Heimatort gebacken werden und mein Pfleger ebenfalls dort leben. Und wenn die Rentner in der Zukunft im Schnitt mehr Geld haben sollten, werden sie trotzdem nicht mehr Brötchen essen können oder häufiger den Hintern geputzt bekommen, sondern diese Produkte werden bloß einfach teurer werden.

Der einzig sichere Effekt eines kapitalgedeckten Verfahrens ist, dass sich die sozialen Unterschiede weiter vergrößern werden. Denn es gibt Leute, die heute Geld sparen können, und Leute, die dafür kein Geld übrig haben. Die Reichen werden dann in der Zukunft wegen dem Zinsenszinseffekt überproportional profitieren, während die anderen (im besten Fall) mit einer Grundversorgung abgespeist werden.

Das Fazit von Gerd Bosbach, der den Artikel Produktivität schlägt Demografie verfasst hat:

…das ist kein naturgegebenes Demografie-Gesetz – sondern eine gewollte Umverteilung zu Gunsten der Unternehmer, die den Gewinn des technischen Fortschritts komplett alleine einheimsen. Und darüber soll wohl nicht gesprochen werden. Deshalb die ständige Demografie-Leier.

Das glauben Sie nicht? Dann greifen Sie selbst zum Taschenrechner. Oder gucken noch einmal zurück ins letzte Jahrhundert, als der Produktivitätsfortschritt zum großen Teil auch ausbezahlt wurde. Das hat eine wahre Leistungsexplosion erzeugt: Der Wohlstand der Arbeitnehmer wuchs. Die verdreifachte Zahl von Rentnern wurde immer besser versorgt. Und trotzdem mussten die Arbeitnehmer immer weniger arbeiten.

Die Lehre daraus könnte so einfach sein: Die Produktivität schlägt die Demografie, wenn die Umverteilung nicht die Löhne der Arbeitnehmer beschneidet. Schade, dass die Rentenkürzer der meisten Parteien dieses Wissen völlig ignorieren.

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