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Cornelia Funke

Der Name Cornelia Funke sagte mir nichts, ich wusste weder, dass sie Kinderbücher schreibt, noch dass sie als die erfolgreichste deutsche Schriftstellerin gilt. Aber nach dem Lesen des Spiegelinterviews mit ihr (Nr. 50, 8.12.2008) wundert mich ihr Erfolg nicht, ihre Sprache gefällt mir, an einigen Stellen hat sie mich zum Nachdenken gebracht.

Spiegel: Ein anderes Thema ihrer Bücher ist die Macht des Erzählers: In der Tintenwelt entgleitet dem Erzähler die von ihm erschaffene Realität – je weiter die Geschichte voranschreitet, desto weniger kann er seine Helden kontrollieren.

Funke: Das ist natürlich auch ein philosophisches Spiel: In welchem Maß wird unser eigenes Leben geschrieben, ohne dass wir es steuern können? In meinem Leben haben sich auf seltsame Weise immer wieder Vorgestelltes und Wirkliches vermischt: Da entwerfe ich eine Figur für eine Geschichte – und plötzlich taucht eben so ein Mensch in meinem Leben auf. Da schreibe ich über Tod und Verlust – und verliere meinen Mann. Zwischendurch habe ich mich gefragt: Beschwörst du das durch deine Worte herauf? Oder wussten die Worte vorher, was noch nicht passiert war? Ist unser wohlsortiertes Gestern, Heute, Morgen Illusion?

Spiegel Sind sie anfällig für esoterische Gedanken?

Funke: Die Esoterik ist ein zu weites Gebiet, um das eindeutig zu beantworten. Ich gebe zu, dass ich zunehmend Zweifel an unserer Vorstellung von Zeit habe. Es ist zu bizarr, wenn man in einem Buch etwas verarbeitet, das ein Jahr später dann passiert – als wenn einen das Universum schon einmal vorbereiten wollte. Ich habe dafür nur die übliche Erklärung: Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als es sich unsere Schulweisheit träumen lässt. Das ist teilweise sehr unheimlich.

Es gibt drei verschiedene Möglichkeiten, solche Geschehnisse rational zu erklären, deren Wirkungen sich teilweise überlappen dürften. Zum ersten verändert sich unsere Wahrnehmung, wenn wir uns mit bestimmten Themen beschäftigen. Zum zweiten beeinflussen wir mit unseren Erwartungen uns und andere in unserer Umgebung. Und zum dritten kündigen sich manche Ereignisse unterschwellig bereits an, bevor wir uns ihrer bewusst werden. Der Krebstod ihres Mannes könnte so ein Fall sein. Obwohl die Erkrankung noch nicht diagnostiziert worden war, könnte sich irgendwas an ihm oder seinem Verhalten bereits geändert haben. Aber ebenso könnte es die von Cornelia Funke erwähnte Möglichkeit geben, die Akausalität der Welt. Auf der Ebene der Elementarteilchen gibt es keine Vorzugsrichtung der Zeit.

Spiegel: Sie neigen doch zu esoterischen Gedanken!

Funke: Diese Vorliebe ist eher meinem kindlichen Gemüt geschuldet: Ich bin eine Körperschlüpferin – und das ist ja ein originär kindliches Verhalten. Kinder wechseln ständig die Rollen, mal sind sie die Hexe, mal ein Pilz, mal die Mutter. Mein gefühltes Alter ist zehn. Obwohl meine Freunde behaupten, im Grunde sei ich elf.

Darüber musste ich lange nachdenken. Was ist der Unterschied zwischen zehn und elf? Ich kenne Cornelia Funkes Antwort nicht und es ist schwer, lange zurückliegende Ereignisse so genau zu datieren. Ein Blick in mein altes Zeugnisheft hat mir gezeigt, das ich in der vierten Klasse noch in Lesen, Schreiben und Heimatkunde unterrichtet wurde, ab der fünften Klasse jedoch in Literatur, Biologie, Geografie und Geschichte. Die Geografie- und Biologiefachkabinette hatten eigene Hinterzimmer. Ich war schwer beeindruckt von Landkarten, die an großen Rollen hingen, von Globen, ausgestopften Säugetieren und Vögeln und noch mehr von einem großen Terrarium mit Fröschen, die mich anglotzten. Und nach der vierten Klasse durfte ich als einziger der Kleinen in den Sommerferien mit der sechsten Klasse zu einer einwöchigen Biologieexkursion. Von dort habe ich einen präparierten Käfer mitgebracht und von den größeren Jungen im Schlafsaal gelernt, wie man sich selbst befriedigt. Natürlich nur theoretisch, denn ich war dafür selbst noch zu klein.

Spiegel: Sie trauen Kindern so viel zu, doch der Held, der Sie international berühmt machte, will gerade kein Kind sein. Der „Herr der Diebe“ tut alles, um erwachsen zu werden. Ist das nicht paradox?

Funke: Ja, der Widerspruch ist vollkommen. Aber ich selbst fand es auch nicht allzu aufregend, ein Kind zu sein. Man ist dauernd in der Warteschleife. Man wartet darauf, groß zu sein, einen Hund zu haben, all die Abenteuer der Erwachsenen zu erleben, die man aus Filmen und Büchern kennt.

Spiegel: Bis man erwachsen wird und merkt: Ist ja doch nicht so aufregend.

Funke: Es ist aufregend! Man darf sich nur nicht den Anspruch darauf ausreden lassen, was einem früher so reizvoll erschien. Mit ging es immer darum, nach den eigenen Regeln zu leben.

Kommentare

MMarheinecke 12/17/2008 09:59:25 PM

Was ist der Unterschied zwischen zehn und elf?
Als ( nun ja) „Fantasy Fan“ ist mir der Name Cornelia Funke „natürlich“ geläufig – ihre Bücher sind es (leider?) noch nicht. Es gibt einfach zu viele interessante Bücher – und zu wenig Zeit, sie zu lesen. Philosophische Ansätze in Jugend/Kinderbüchern sind übrigens geradezu genretypisch. (klassisches Beispiel: Michael Ende, zur Zeit sehr erfolgreiches Beispiel: Philip Pullman.)

Was ist der Unterschied zwischen zehn und elf?

Mir ist diese Zeit – das Alter zwischen 9, 10 und 11 – in der Erinnerung sehr präsent, vielleicht, weil damals so viel mit mir passierte – mehr als später zwischen 12 und 16 – und mir leider auch sehr viel zustieß (z. B. wurde ich als Neunjähriger bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt).
Es liegt nahe, die „Grenze“ an der zwischen Grundschule und „weiterführenden Schule“ festzumachen – aber das wäre nicht meine Antwort.

Rückblickend habe ich den Eindruck, dass ich bis zum 10 Lebensjahr sehr offen, aber auch sehr formbar war – während ich meine Persönlichkeit mit 11, mit Sicherheit aber mit 12, als überraschend „starr“ empfinde. Starrer als später, gegen Ende der Pubertät. So, als sei mein Gehirn, was bestimmte Bereiche angeht „wegen Umbau“ auf „Automatikbetrieb“ geschaltet gewesen.
Dann natürlich das Verhalten der Erwachsenen mir gegenüber. (Ich hatte hier schon ein paar Sätze geschrieben, die, auf den zweiten Blick, für einen Blogkommentar doch zu intim sind. )
Ich bin, in meiner Erinnerung, mit 10 „noch Kind“ und mit 11 „nicht mehr ganz Kind“ gewesen.

rosenherz 12/20/2008 00:40:13 PM

“ Da schreibe ich über Tod und Verlust – und verliere meinen Mann. Zwischendurch habe ich mich gefragt: Beschwörst du das durch deine Worte herauf? Oder wussten die Worte vorher, was noch nicht passiert war? „

Ich habe mich einmal mit der vielfach preisgekrönten österreichischen Autorin Renate Welsh darüber unterhalten. Sie schrieb an dem Jugendbuch „Vor Taschendieben wird gewarnt“ und just in diesem einem Jahr, in dem sie an dem Manuskript arbeitete, wurde ihr fünf Mal die Geldbörse gestohlen. Renate erzählte, dass diese Vorfälle sie sehr zum Nachdenken gebracht haben, wie die innere und die äußere Welt auf geheimnsivolle Weise miteinander in Beziehung stünde – und welchen Einfluss die Beschäftigung mit einem Thema auf das konkrete Erleben nehmen kann.

la-mamma 12/21/2008 03:58:43 PM

mir hat der name auch nichts gesagt, bis ich ein theaterstück von ihr im kindertheater sozusagen „mitgesehen“ habe. und wenn ein text kinder UND ihre begleitpersonen ansprechen kann, dann ist er schon gut! danach war ich natürlich sensibilisiert – und registriere auch ihre interviews. ein sehr schönes stand übrigens im cicero, ist aber schon ein weilchen her …

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