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Cixin Liu und Stephen Hawking zum Fermi-Paradoxon

In der Wikipedia wird das Fermi-Paradoxon in einem Satz zusammengefasst:

Der weit verbreitete Glaube, es gebe in unserem Universum viele technisch fortschrittliche Zivilisationen, in Kombination mit unseren Beobachtungen, die das Gegenteil nahelegen, ist paradox und deutet darauf hin, dass entweder unser Verständnis oder unsere Beobachtungen fehlerhaft oder unvollständig sind.

Hinter dieser Aussage stecken ähnliche Überlegungen wie sie auch der Drake-Gleichung zugrunde liegen:

  • Es gibt sehr viele Sterne in unserer Galaxis, einige sollten sonnenähnlich sein.

  • Einige dieser Sonnen haben Planeten, auf denen ähnliche Bedingungen wie auf der Erde herrschen.

  • Auf einigen dieser Planeten sollte sich Leben entwickelt haben.

  • Auf einigen dieser belebten Planeten sollten sich intelligente Lebensformen entwickelt haben.

  • Einige dieser intelligenten Lebensformen sollten eine technologisch fortgeschrittene Entwicklungsstufe erreicht haben.

  • Einige dieser technologischen Zivilisationen sollten das Interesse an interstellarer Kommunikation entwickelt haben und auch genügend lange existieren.

Gegenüber den Überlegungen von Drake geht das Fermi-Paradoxon noch einen Schritt weiter und unterstellt diesen Zivilisationen zusätzlich, dass sie das Bestreben haben, sich in ihrer gesamten Galaxis zu verbreiten. Sie müssten also überall zu beobachten sein. Warum haben wir sie bis jetzt noch nicht gefunden?

In der Wikipedia werden eine ganze Reihe von Lösungsvorschlägen für das Paradoxon angeboten. Hier eine Auswahl:

  1. Wir sind die einzigen.

  2. Wir sind die ersten.

  3. Sie sind schon wieder ausgestorben.

  4. Interstellare Kommunikation bzw. Ausbreitung ist schwieriger, als wir das denken.

  5. Kein Interesse an Kommunikation oder Ausbreitung.

  6. Ihre Kommunikation ist so fortgeschritten, dass wir sie nicht vom Rauschen unterscheiden können oder das die für sie ausreichenden Signalstärken unterhalb unserer Wahrnehmbarkeitsschwelle liegt.

  7. Sie verbergen sich vor uns.

  8. uvam.

Einige der Möglichkeiten können auch kombiniert wahr sein, weil sie sich nicht gegenseitig ausschließen. Es könnten auch für verschiedene Zivilisationen jeweils andere Gründe gelten. 1. und 2. sind für Naturalisten und Atheisten besonders unangenehm, weil sie erneut eine bereits ad acta gelegte Sonderstellung der Erde und der Menschheit implizieren.

Cixin Liu schlägt in seiner Romantrilogie „Die drei Sonnen“, „Der dunkle Wald“ und „Death’s end“ (das dritte Buch erscheint erst im nächsten Jahr auf deutsch) eine besonders düstere Lösung vor, sinngemäß:

Das Universum ist zwar groß, aber endlich und deshalb seine Ressourcen auch. Das sich darin entwickelnde Leben aber dehnt sich exponentiell aus. Jede neue Zivilisation stellt für die bereits vorhandenen eine Gefahr da, weil sie um dieselben Ressourcen konkurriert. Verrät sie ihren Standort, dann damit zugleich, dass man an dieser Stelle im Universum besonders begehrte Dinge finden kann. Die bereits existierenden Zivilisationen werden also kommen, die „Neuen“ eliminieren und sich ihre Güter einverleiben.

Es ist egal, ob es unter den bereits existierenden Wesen auch ein paar „Gute“ gibt, die „Bösen“ werden kommen. Wem das zu düster vorkommt, der sollte sich die Geschichte der Menschheit ansehen. Dort war es bisher immer so, dass beim Kontakt zweier Völker das weniger entwickelte untergegangen ist. Stephen Hawking sah das ähnlich:

In einer neuen TV-Produktion für den „Discovery Channel“ von und mit Stephen Hawking erklärt der Wissenschaftler seine Sicht auf das Leben in den Weiten des Alls – und warnt eindringlich vor dem Kontakt mit intelligenten Lebensformen, berichtet der „Sunday Telegraph“. Das meiste dort draußen sei zwar Kleinkram, Mikroben und einfache Tierchen, also solche Lebewesen, wie sie die Biosphäre auch den längsten Teil der Geschichte unseres Planeten dominierten. Gebe es aber auch intelligentes Leben, dann wäre das für die Erde eine existentielle Bedrohung, glaubt der hochdekorierte Wissenschaftler.

Solche Aliens könnten über die Erde herfallen, sich ihrer Ressourcen bemächtigen, und wenn der Planet ausgelaugt sei, würden sie weiterziehen. Hawking schließt das aus der Betrachtung unserer eigenen Art: „Wir müssen nur auf uns selbst schauen, um zu sehen, wie sich aus intelligentem Leben etwas entwickelt, dem wir lieber nicht begegnen möchten.“ Fortschrittliche Aliens würden wohl ein nomadenhaftes Leben führen und versuchen, alle Planeten zu erobern und zu kolonisieren, die sie finden können.

Ich sehe es nicht ganz so kritisch. Die menschliche Entwicklung beschleunigt sich durch den technischen Fortschritt immer mehr. Unser heutiges Entwicklungsstadium wird in Bezug auf kosmische Zeitskalen quasi in Nullzeit durchschritten. Wenn wir an eine, sich in hundert Lichtjahren befindliche Zivilisation, von deren Existenz wir jetzt erfahren, ein Signal senden, dann trifft die Antwort erst in zweihundert Jahren ein. Interessiert sie uns dann noch oder konnten wir sie in der Zwischenzeit nicht selbst beantworten?

Abschließend möchte ich der Liste der Erklärungsversuche in der Wikipedia noch einen weiteren hinzufügen: Dyson-Sphären. Eine fortgeschrittene Zivilisation könnte ihren steigenden Energiebedarf dadurch decken, dass sie ihr gesamtes Sonnensystem mit einer Hülle umgibt, um die gesamte, von der jeweiligen Sonne erzeugte Energie aufzufangen und zu nutzen. Das hat folgende Konsequenzen:

  • 1. Ein so umhülltes Sternensystem strahlt zwar ebenfalls die gesamte Energie seines Sterns ab, aber auf einer Fläche, die nicht der Sternenoberfläche, sondern der der Sphärenoberfläche entspricht. Ist diese sehr groß, dann liegt die Temperatur der Sphärenaußenseite nur knapp über der der kosmischen Hintergrundstrahlung. Das Sternensystem ist praktisch unsichtbar.

  • 2. Die Masse des Sternensystems bleibt aber unverändert. Es trägt also zur Gesamtmasse seiner Galaxis bei.

Wenn wir annehmen, dass vier von fünf Sternen unserer Galaxis in Dysonsphären umhüllt sind, dann

  1. ist das Fermi-Paradoxon gelöst, es wimmelt nur so von intelligentem Leben.

  2. Die mysteriöse dunkle Materie wird zur Erklärung der schnellen Rotation der Sterne innerhalb der Galaxis nicht mehr benötigt. Es sind die für uns unsichtbaren Dyson-Sphären, die die fehlende Masse beitragen.

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