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Chile: Mylodon, Clovis und Mapuche

Auf der Rückfahrt von Patagonien haben wir an der Mylodon-Höhle Halt gemacht, in der man Ende des 19. Jahrhunderts die Überreste eines Mylodons gefunden hat. Diese Riesenfaultiere waren zu ihren Lebzeiten Pflanzenfresser und sind schon seit fast 10.000 Jahre ausgestorben. Am Höhleneingang hat man ein lebensgroßes Modell aufgestellt, es ist etwa vier Meter hoch. Leider wurden alle Fundstücke aus der Höhle ins Britische Museum nach London geschafft.

Inzwischen wurden in der Höhle selbst bzw. in ihrer Nähe weitere archäologische Funde gemacht, unter anderem von Menschen, die etwa in derselben Epoche wie das Mylodon gelebt haben. Heute nährt diese Koinzidenz zwischen der Besiedlung durch den Menschen und dem Aussterben vieler großer Tiere Spekulationen, dass unsere Vorfahren diese Tiere ausgerottet haben könnten. Aber es gibt andere und mindestens genauso plausible Hypothesen. Die Menschen, die zu dieser Zeit Amerika neu besiedelten, kamen über die Beringstraße. Diese Verbindung zwischen Asien und Amerika lag immer während einer Eiszeit im Trocknen, weil viel Wasser der Ozeane in den Gletschern gebunden und dadurch der Meeresspiegel tiefer als heute war. Etwa als das Mylodon und viele andere Tiere ausstarben, endete die vorerst letzte Eiszeit. Es ist meiner Meinung nach viel wahrscheinlicher, dass einige Tierarten dem Klimawechsel nicht gewachsen waren, als dass sie in den Mägen der wenigen Menschen dieser Zeit landeten.

Auf jeden Fall gab es am Ende der Eiszeit eine spürbare Beschleunigung der menschlichen Entwicklung. Die Besiedlungswelle ausgehend von der Beringstraße über Nord- nach Südamerika ist heute so gut bekannt, weil man Artefakte in beiden Subkontinenten gefunden hat, anhand derer sich das rasche Vordringen des Menschen nachweisen lässt. Früher hielt man die Angehörigen der so genannten Clovis-Kultur für die ersten Besiedler Amerikas. Heute sind aber weitaus ältere Fundstücke bekannt, die von Menschen stammen, die 20.000 Jahre vor den Clovis-Leuten in Amerika lebten. Und die Clovis-Menschen können auch nicht mit den Mylodons in der Nähe der Höhle zusammengetroffen sein, denn so weit im Süden lebten zur selben Zeit Vertreter anderer Kulturen.

Auf einer Wanderung ein paar Tage zuvor haben wir Felszeichnungen gesehen, die ebenfalls in diese Zeit eingeordnet worden sind und die ein bisschen geschützt unter einem Felsvorsprung liegen. Es ist ein weit verbreiteter Mythos, ähnlich wie der vom Ausrotten der großen Tiere durch unsere Vorfahren, dass die Menschen damals alle in Höhlen gewohnt haben. Aber Knochenreste und Zeichnungen überdauern in Höhlen einfach besser als im Freien.

Und auch das gemeinsame Auftreten von Knochen von Faultieren und Menschen belegt noch nicht, dass sich beide Spezies an oder in der Höhle auch begegnet sind. Wenn die zur Altersbestimmung verwendete Radiokarbonmethode ein Alter von etwa 10.000 Jahren für die Überreste ergibt, können sich beide Spezies doch um mehrere Jahrhunderte „verfehlt“ haben.

Seit dem Ende der letzten Eiszeit gab es keine Landverbindung von Eurasien mehr. Zu einer ausführlichen Diskussion der verschiedenen Theorien siehe den Wikipediaartikel Besiedlung Amerikas. Als die Spanier Ende des 15. Jahrhunderts dann Amerika für Europa wiederentdeckt haben, lebten sehr viele Volksstämme mit unterschiedlicher Kultur und in verschiedenen Entwicklungsstufen hier. Innuit im Norden, nomadisch lebende Indianer in der Prärie, sesshafte und Landwirtschaft betreibende Völker in ganz Amerika, Fischer an den Küsten, die Hochkulturen der Inkas und Azteken, uvam.

Den Europäern ist es innerhalb weniger Jahrzehnte gelungen, die vorhandenen nativen Kulturen weitgehend zu zerstören, zuerst die Spanier, Portugiesen, Niederländer, später kamen auch Vertreter anderer Nationen wie Engländer, Franzosen, Deutsche. Im 19. Jahrhundert gab es weitere Einwanderungswellen, die u.a. viele Kroaten in den Süden von Chile, nach Patagonien, gebracht haben.

Kommt man heute nach Chile, ist der Gegensatz z.B. zu Peru deutlich spürbar. Dort ist man stolz auf das Erbe der Inkas, siehe unseren Urlaub in Peru. In Chile ist die Verfolgung der indigenen Bevölkerung noch nicht so lange her, bis Anfang des 20. Jahrhunderts wurde sie fortgesetzt. Eines der wenigen Völker, die sich zuerst den Spaniern und dann allen anderen Siedlern erfolgreich widersetzt haben, sind die heute so genannten Mapuche.

Wer sich für die Geschichte der Indianer Amerikas interessiert, dem seien zwei „Geo Epoche“-Hefte empfohlen. In Geo Epoche 68 „Der Wilde Westen“ wird vor allem über die Indianer Nordamerikas berichtet. Geo Epoche 71 „Südamerika. Geschichte eines Kontinents“ ist dem südlichen Subkontinent und dem Zeitraum von 1499 bis 1998 gewidmet. Dort findet man auch einen Artikel über die Mapuche und wie sie den Spaniern 300 Jahre lang erfolgreich Widerstand leisten konnten.

Während unseres Aufenthalts waren wir nicht in einem der Dörfer der Mapuche. Es gibt auch heute noch Konflikte zwischen einigen auf ihrer Unabhängigkeit bestehenden Indianergruppen und anderen Chilenen. Aber eine Mitreisende hat im Anschluss an unsere gemeinsame Zeit noch eine weitere Woche in Chile verbracht und uns die beiden Bilder gesandt, die ich hier verwendet habe. Auf dem obigen sieht man ein typisches Mapuchehaus. An seiner Konstruktion erkennt man, dass die Mapuche sesshaft, d.h. als Bauern, leben.

Heute besinnen sich einige Chilenen, deren Vorfahren einst die Indianer vertrieben haben, auf deren Kultur und sammeln indianische Artefakte. Ein privates Museum haben wir auf dem Gelände eines Weinguts besucht. Wie uns erzählt wurde, wird ein Teil der Erlöse des Guts für Projekte verwendet, die den noch lebenden Indianern zugute kommen.

Punta Arenas ist die südlichste große Stadt der Welt. Hier ist Sara Braun sehr bekannt, die dort Ende des 19. Jahrhunderts, Anfang des 20. Jahrhunderts, eine mächtige und einflussreiche Schafzüchterin gewesen ist. Das Bild oben zeigt ihren Palast, heute eine Touristenattraktion. Sara Braun hat allen, die ihr abgeschnittene Ohren von Indianern gebracht haben, eine Prämie gezahlt. Als sie später sehr lebendige Indianer ohne Ohrmuscheln sah, gab es Prämien nur noch für abgeschnittene Köpfe.

Gauchos gab es sicher bereits zu Zeiten der Schafherden, heute ist offenbar die Rinderzucht lukrativer.

Vielleicht als kleines Zeichen einer späten Reue kann das Indianerdenkmal im Zentrum von Punta Arenas gelten. Mit den goldenen Zehen hat es eine einfache Bewandtnis: Es heißt, wer den Zeh des Indianers berührt, kehrt irgendwann im Leben nach Patagonien zurück.

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