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Archiv für die Kategorie ‘Psychologie’

Wider die digitale Demenz

29. Januar 2017 1 Kommentar

Im letzten Jahr ist es hier in meinem Blog viel ruhiger geworden, und wie es jetzt aussieht, wird das wohl auch so bleiben. Es gibt einfach im realen Leben viel zu tun und für das virtuelle bleibt deshalb weniger Zeit. Über den Jahreswechsel habe ich zwei Sachbücher gelesen, zuerst Nicholas Carr: „Wer bin ich, wenn ich online bin und was macht mein Gehirn solange?“ und Manfred Spitzer: „Digitale Demenz“. Beide zeigen in ihren Büchern anhand der Auswertung von Studien, wie sich unser Denken durch die Nutzung von Computern, Smartphones und anderen elektronischen Geräten und vor allem das Internet verändert. Gerade Spitzer wird im deutschsprachigen Raum in Rezensionen massiv kritisiert und fast schon angefeindet.
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KategorienPsychologie, Rezensionen Tags:

Achtsamkeit

20. Oktober 2015 Keine Kommentare

Wege aus dem Stress… Das Thema hat mich bereits hier beschäftigt und wird wohl lange aktuell bleiben. Ein weiterer Artikel über eine Untersuchung an Kindern: Smartphone läuft Fernsehen als Leitmedium Rang ab. Bemerkenswert an dieser Studie ist das Alter der Probanden, 8 bis 14 Jahre. Eine zweite Studie hatte vor allem junge Erwachsene im Fokus: Generation Wisch und Klick. Täglich drei Stunden am Tag sind 17 bis 24Jährige mit dem Smartphone online.

Einen verblüffenden Gedanken habe ich bei Rolf Dobelli in seinem Buch „Die Kunst des klugen Handelns gefunden:

Nehmen Sie die Terroranschläge in Mumbai im Jahr 2008. Terroristen töteten in einem Akt kühler Geltungssucht 200 Menschen. Stellen Sie sich vor, dass eine Milliarde Menschen durchschnittlich eine Stunde ihrer Aufmerksamkeit auf die Tragödie in Mumbai verwendeten: Sie haben die News verfolgt und sich das Geplapper irgendwelcher »Experten« und »Kommentatoren« im Fernsehen angeschaut. Eine durchaus realistische Schätzung, denn Indien allein hat mehr als eine Milliarde Einwohner. Doch rechnen wir konservativ. Eine Milliarde Menschen mal eine Stunde Ablenkung ergibt eine Milliarde Stunden Ablenkung. Umgerechnet: Durch News-Konsum wurden also an die 2.000 Menschenleben vernichtet – zehnmal mehr als durch das Attentat.

Ich glaube zwar nicht, dass so viele Menschen so viel Zeit mit diesem Ereignis verbracht haben, aber hochgerechnet auf alle News stimmt es. An anderer Stelle schreibt Dobelli:

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Weshalb ist unser Leben so hektisch?

5. August 2015 Keine Kommentare

Ein Artikel aus der Geo Kompakt „Wege aus dem Stress“ hat mir besonders gut gefallen. In „Weshalb ist unser Leben so hektisch?“ findet man dort ein Interview mit dem Zeitforscher Hartmut Rosa. Er beginnt mit der simplen Feststellung, dass sich am Ablaufen der Zeit im Laufe der Geschichte nichts ändert, der Tag hat 24 Stunden, das Jahr 365 Tage. Trotzdem hat man das Gefühl, die Zeit würde immer knapper werden.

…die ganze Moderne ist eine einzige Geschichte des Zeitsparens und der Beschleunigung: Mit dem Auto kommen wir rascher voran als zu Fuß, mit dem Flugzeug schneller als mit dem Auto. Waschmaschinen, Staubsauger, Mikrowellen sparen Zeit, E-Mails erreichen ihren Adressaten in Sekundenschnelle. Fast jede Technik ist mit dem Versprechen verbunden, dass wir mit ihr Zeit gewinnen. Dennoch stellt sich kein Zeitreichtum ein, sondern Zeitknappheit.

Die Aufgabenmenge wächst so rasant, dass wir sie trotz des Zeitgewinns nicht abarbeiten können. Früher wechselten Menschen einmal in der Woche ihre Wäsche, heute machen wir das täglich. Statt zehn Briefe schreiben und lesen wir 30, 40 oder noch mehr E-Mails. Und mit dem Auto legen wir natürlich viel weitere Strecken zurück als Menschen vormals zu Fuß.

Es stellt sich die Frage, warum „die Aufgabenmenge“ größer wird. Weiter unten im Interview wird auch die kapitalistische Wachstumslogik als eine der Ursachen ausgemacht. Aber selbst wenn man diese zunächst außer Acht lässt und rein phänomenologisch analysiert, kommt man schon zu einer bemerkenswerten Erkenntnis:

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KategorienGesellschaft, Psychologie, Visionen Tags:

Helfen Regeln gegen Psychopathen?

12. Juli 2015 Keine Kommentare

In Gehirn & Geist 12/2014 hat Stefan Schleim einen interessanten Artikel über Psychopathen geschrieben. Sein einführendes Beispiel ist mir tagelang nicht aus dem Kopf gegangen, obwohl (oder weil?) es nur eine simple Alltagsbeobachtung ist:

An der Haltestelle für den Ersatzbus hatte sich bereits eine Traube Wartender gebildet. Als der Bus kam, bat uns der Fahrer, vorne einzusteigen, um den aussteigenden Fahrgästen hinten Platz zu lassen. Das ging so lange gut, bis die hintere Tür frei wurde. Nun brachen einige aus der Reihe aus, um dort einzusteigen. Sie wurden ein-, zweimal vom Fahrer zurückgerufen, doch als dieser nicht mehr hinschaute, probierten sie es erneut. Diesmal mit Erfolg! Dafür kamen andere Fahrgäste, die sich an die Regeln gehalten hatten, nicht mehr hinein. Ein anschauliches Beispiel für die »Weisheit der Psychopathen«, von der Dutton zuvor gesprochen hatte.

Stefan Schleim kam von einem Vortrag des britischen Psychologen Kevin Dutton zurück, als ihm dieses Erlebnis widerfuhr. Dieser hatte referiert über »was man von Heiligen, Anwälten und Serienmördern lernen kann«. In den letzten Jahren haben zahlreiche psychologische Studien herausgefunden, dass es in Führungspositionen in Politik und Wirtschaft einen überproportional hohen Anteil an Menschen gibt, denen man psycho- und soziopathische Charakterzüge bescheinigen muss. Offenbar sind einige Auswahlkritierien in Politik und Wirtschaft so gestaltet, dass es Menschen mit abweichendem Sozialverhalten begünstigt. Viele Psychologen sehen das kritisch, Dutton vertritt einen entgegengesetzten Standpunkt. Stefan Schleim schreibt über ihn:

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KategorienPsychologie Tags:

Slim Belly und Finyo

28. Mai 2015 Keine Kommentare

Es gibt viele Gründe in ein Fitnessstudio zu gehen, die Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen und Körpergewicht ist sicher ein ganz wesentlicher. Ist man dann längere Zeit Mitglied, verliert man vielleicht die Lust an den immer gleichen Geräten und Übungen und meldet sich wieder ab. Die Studiobetreiber sehen das natürlich nicht gern und da viele in der Branche auch ihr Geld verdienen wollen, muss deshalb von Zeit zu Zeit eine neue Sau durchs Dorf getrieben werden. Den Muskeln aber ist es egal, ob ihr Besitzer Pilates oder Bodyworkout oder Bauch-Beine-Po oder irgendetwas anderes macht.

Vor kurzem war „Slim Belly“ der allerneueste Schrei: Man bekommt einen Gürtel umgebunden, in den mit einer elektrischen Pumpe abwechselnd Luft eingeblasen und wieder ausgelassen wird. Damit betreibt man Ausdauersport, auf dem Laufband, einem Crosstrainer oder dem Fahrradergometer. Dazu gibt es eine Ernährungsberatung. Wenn man Sport treibt und weniger isst als vorher, dann fällt natürlich das Gewicht. Aber der Zusatznutzen des Gürtels soll ein „gezieltes Abnehmen an den Problemzonen sein“. Inzwischen gibt es wohl auch eine Drucklufthose im Portfolio der Betreiber, weil viele Frauen mit ihrem dicken Po unzufrieden sind.

„Gezieltes Abnehmen an den Problemzonen“, wie soll das funktionieren? Der Gürtel übt gewiss eine leichte Massage aus und dort wo er am Körper anliegt, ist es auch wärmer als am Rest des Körpers. Reicht das für einen messbaren Effekt aus? Googeln nach „Slim Belly“ liefert natürlich als erstes eine Unmenge von Links der Anbieter und von begeisterten Teilnehmern. Der erste vernünftige Link nach all den Jubelmeldungen ist „Schlank in 14 Tagen“ mit Skepsis betrachtet. Das Motto dieses Blogs findet man gleich oben rechts: „Ein Weblogbuch über sonderbare Nachrichten und alltäglichen Statistikplunder“. In dem Artikel wird auf eine Studie verlinkt, in der der SB-Gürtel einem Vergleich unterzogen worden ist: ABC-one Studie 2010 – Regionale Fettverbrennung.

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KategorienAlltag, Medizin, Psychologie Tags:

Menschen und Maschinen

27. März 2015 3 Kommentare

Natürlich haben wir im Kollegen- und Bekanntenkreis über den Flugzeugabsturz in den französischen Bergen diskutiert. Die erste Vermutung über die Absturzursache war technisches Versagen. Die Reaktion meiner Bekannten war: „Es muss doch möglich sein, dass man den Bordcomputer ausschaltet und der Pilot das Flugzeug manuell sicher landet.“ Dann wurde gemeldet, dass wahrscheinlich der Co-Pilot den Absturz absichtlich herbeigeführt hat. Jetzt kam die gegenteilige Reaktion: „Warum sollte der Bordcomputer den Piloten die Möglichkeiten zum Eingreifen nicht entziehen dürfen? Der Computer könnte doch dann das Flugzeug sicher nach unten bringen.“

Auf meine Einwände, dass man hier jeweils das genau Entgegengesetzte fordert, wurde geantwortet: „Dann muss man eben vom Boden aus das Flugzeug übernehmen.“ Auch das ginge sicherlich, hier fiel mir aber sofort Stuxnet ein, der Computervirus, der vor einiger Zeit automatisch und von außerhalb die Kontrolle über iranische Atomanlagen übernommen hat. Man kann endlos Fälle konstruieren, die von den heutigen Vorschriften und Gepflogenheiten nicht erfasst werden und findet sicher für jeden Einzelfall eine spezielle Lösung – hinterher.
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KategorienAlltag, Psychologie Tags:

Dinge, von denen wir nicht wissen, dass wir sie wissen

18. September 2014 Keine Kommentare

Einer meiner Lieblingsphilosophen ist bekanntlich Donald Rumsfeld. Er hat zum Beispiel in einer Pressekonferenz gesagt:

Wir wissen aus sicherer Quelle, dass Bin Laden entweder in Afghanistan ist oder in einem anderen Land oder aber tot.

Noch besser aber fand ich seinerzeit:

Es gibt Dinge, von denen wir wissen, dass wir sie wissen. Es gibt Dinge, von denen wir wissen, dass wir sie nicht wissen. Es gibt Dinge, von denen wir nicht wissen, dass wir sie nicht wissen.

Im 2×2-Logiktableau fehlt die Kategorie „Es gibt Dinge, von denen wir nicht wissen, dass wir sie wissen.“ und ich dachte bis vor kurzem auch, dass diese Menge leer sein muss. In der „Hohe Luft“-Ausgabe vom August wurde ich eines Besseren belehrt. Zunächst Rumsfeld Aussage im Original, eine sprachliche Perle:

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KategorienLogik, Philosophie, Psychologie Tags:

Das IQ-Prinzip

26. Juni 2014 Keine Kommentare

Ein Bekannter (vielen Dank an Begleitschreiben) hat mich auf eine interessante Sendung beim SWR2 aufmerksam gemacht: Das IQ-Prinzip. Die Sendung ist Teil einer Serie mit dem Namen „Der vermessene Mensch“. (Dieser Name ist nebenbei wunderbar doppeldeutig, denn zu dem Adjektiv „vermessen“ gibt es zwei Substantive: „Vermessung“ und „Vermessenheit“). Autor ist Martin Hubert.

Hier die Sendung als MP3 zum Anhören und als Manuskript zum Nachlesen:

Manuskript

Soweit ich das beurteilen kann, gibt die Sendung den aktuellen Stand in der Intelligenzforschung gut wieder, sowohl was die positiven Aspekte, als auch was die Kritikpunkte betrifft. Auf der einen Seite ist der IQ sicherlich eines der wenigen Maße in der Psychologie, der einen (bei Erwachsenen) weitgehend stabilen Zahlenwert ergibt und der die derzeit beste Korrelation mit solchen Dingen wie Schulleistungen oder Berufserfolg hat. Auf der anderen Seite gilt das natürlich nicht für den Einzelfall. Auf die Gründe wird zumindest kurz eingegangen: Die Intelligenz hat eine starke genetische Komponente, aber wenn die individuellen Lebensumstände entweder einerseits extrem ungünstig oder andererseits extrem günstig sind, dann weicht der Erfolg in Schule, Studium oder Beruf stark von der Prognose ab, die ein standardisierter Test geben kann.

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Tatort Gehirn

20. Februar 2014 Keine Kommentare

Bezüglich der Diskussion um den freien Willen habe ich meinen Standpunkt seit mehreren Jahren nicht mehr geändert. Ich stimme in dieser Hinsicht überein mit den Ansichten, wie sie z.B. Geert Keil und Michael Pauen vertreten. Überwiegend im deutschsprachigen Raum gibt es eine Reihe von Neurowissenschaftlern (u.a. Gerhard Roth und Wolf Singer), die aus ihren Erkenntnissen bei der Untersuchung der Arbeitsweise des menschlichen Gehirns schlussfolgern, dass Menschen über so etwas wie einen freien Willen eigentlich gar nicht verfügen (können). Jedem Beobachter ist klar, dass das einschneidende Konsequenzen für unser Rechtssystem haben würde.

In der Geo 10/2013 gibt es in dem Artikel „Tatort Gehirn“ einen Bericht über einen fiktiven Gerichtsprozess, der genau diese Konsequenzen illustriert. Der Verteidiger eines Mörders argumentiert so:

„Sehen Sie – in diesem Moment wird mein Mandant extremen Provokationen ausgesetzt“, sagt der Verteidiger. „Die Hirnregionen, mit denen normale Menschen Affekte kontrollieren, sind bei ihm aber kaum aktiv.“ Genau wie in der Tatnacht könne das Gehirn des Täters auch jetzt kaum seine Impulse unterdrücken. Ein dreidimensionaler DNS-Strang taucht auf dem Hologramm im Gerichtssaal auf; der Verteidiger kreist eine Region mit dem Stift ein: „Und hier sitzt die verantwortliche Genmutation: eine Art Behinderung, für die mein Mandant nichts kann. Er muss für schuldunfähig erklärt werden.“

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Limburger Paradoxa

14. Oktober 2013 7 Kommentare

Ein Artikel von Jacob Augstein in Spiegel Online „Von Limburg nach Lampedusa“ hat meine Aufmerksamkeit auf einige interessante Paradoxa gelenkt, die mir sonst wahrscheinlich entgangen wären. Augstein schreibt:

Eines der besten deutschen Neubauvorhaben seiner Art

Die Kosten mögen zu hoch sein. Aber sie sind gut investiert. „Das Diözesane Zentrum ist exzellente Baukunst, eines der besten deutschen Neubauvorhaben seiner Art aus den letzten Jahren“, hat Rainer Haubrich in der „Welt“ geschrieben und das glaubt man mit Blick auf die Bilder sofort. Ein „Protz-Bischof“, wie er auf dem Boulevard beschimpft wird, ist dieser Tebartz-van Elst gerade nicht, sondern ganz im Gegenteil ein geschmackvoller Mann, dem man allerdings ein solches Bauvorhaben nicht anvertrauen sollte. Aber für solche Differenzierung ist nur wenig Raum im Strudel all der Empörung.

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Das Keifen der Menge ist übrigens in der Architektur des öffentlichen Raumes kein guter Maßstab. „Wird die Stadt Paris sich wirklich den (…) geschäftstüchtigen Phantastereien einer Maschinenkonstruktion anschließen, um sich für immer zu schänden und zu entehren?“, hieß es seinerzeit in einem Manifest gegen den Eiffelturm. Und man sollte auch daran erinnern, dass demokratische Legitimierung und saubere Rechnungslegung gerade bei den großen kirchlichen Bau- und Kunstwerken historisch eher die Ausnahme waren.

Der Mann, dem wir den Neubau des Petersdoms verdanken, hieß im wahren Leben Giuliano della Rovere, war nicht nur Feldherr und Vater von drei Töchtern, sondern auch Papst, Beiname: „der Schreckliche“. Ohne ihn gäbe es Michelangelos Fresken in der Sixtinischen Kapelle nicht. Aber wie wollte man das heute bei Günther Jauch erklären?

Das stimmt. Schaut man sich die Bilder an, die jetzt vom Limburger Bistum überall zu sehen sind, dann kann man schon neidisch auf den Bischof werden, der dort residieren darf:
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