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Archiv für die Kategorie ‘Gehirn & Geist’

Ex machina

20. Juni 2015 Keine Kommentare

Anfang des Jahres hatten wir die Werbung für den Film „Ex machina“ gesehen und beschlossen, ihn uns unbedingt im Kino anzusehen. Als er dann in Deutschland lief, warteten wir Woche um Woche, wann er denn in unserem Kino endlich gezeigt werden würde. Irgendwann, als er in Deutschland schon fast durch war, fragten wir im Kino beim Besitzer nach. Er hatte sich auch schon gewundert, warum sein Verleiher ihn nicht geliefert hatte. (Kann ein Kinobesitzer in Deutschland nicht die Filme selbst aussuchen, die er zeigen will?)

Jedenfalls waren wir in der letzten Woche sehr froh, als er als „Besonderer Film“ an zwei Tagen gezeigt wurde. Außer uns war nur noch eine einzige weitere Person im Saal. Entweder hatte der Filmverleiher im Früjahr also die Verkaufschancen realistisch eingeschätzt und ihn deshalb nicht angeboten oder die damaligen Interessenten hatten ihn inzwischen in anderen Kinos größerer Städte gesehen. Nach dem Besuch wussten wir jedenfalls – es ist kein Mainstream- und kein Popcornfilm.

Die genaue Handlung kann man im Wikipediaartikel (Link) nachlesen. Hier nur kurz das Wesentliche: Der beste junge Programmierer (Caleb, im Bild links) gewinnt einen einwöchigen Besuch bei seinem Arbeitgeber (Nathan, im Bild rechts), der selbst seinerzeit mit 13 Jahren Programmierer der weltweit größten Suchmaschine war, die ihn zum Milliardär gemacht hat. Nathan lebt allein und völlig von der Außenwelt abgeschieden und beschäftigt sich mit der Vervollkommnung der Künstlichen Intelligenz, verkörpert in Androiden, die näherungsweise die Gestalt junger Frauen haben. Sein aktuelles Modell heißt Ava (ausgesprochen „Eva“, Bildmitte).
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Elektronische vs. gedruckte Bücher

3. April 2015 Keine Kommentare

In den letzten Tagen habe ich zwei Artikel gelesen, in denen das Leseverhalten in eBooks mit dem gedruckter Bücher verglichen wird. Der eine der beiden war „Lesen unter Beobachtung“ in „Bild der Wissenschaft“ 8/2014, der zweite „Die Vorzüge des Blätterns“ in „Gehirn und Geist“ 7/2014.

In dem ersten Artikel „Lesen unter Beobachtung“ wird am Anfang festgestellt, dass die verschiedenen Studien, die beide Leseformen miteinander vergleichen, zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Neu für mich:

Einen verblüffenden Effekt fanden Forscher um Monique Janneck von der Fachhochschule Lübeck: Sie entdeckten, dass Menschen zwar auf einigen elektronischen Geräten effizienter als auf Papier lesen, diesen Vorzug aber nicht erkennen. Nach einer Woche Schmökern mit Büchern, E-Readern oder Tablet-Computern erklärte die Mehrheit der Testpersonen, am liebsten gedruckte Bücher zu lesen und Inhalte daraus auch schneller aufzunehmen. Doch damit lagen sie falsch: „Unabhängig vom persönlichen Lesetempo lasen alle Testpersonen auf dem E-Reader am schnellsten“, stellten die Forscher fest. Das gedruckte Buch bildete das Schlusslicht.

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KategorienAlltag, Gehirn & Geist, Sprache Tags:

Michael Hanlon: 10 Fragen, die die Wissenschaft (noch) nicht beantworten kann

2. August 2014 Keine Kommentare

Es gibt viele Fragen, die die Wissenschaft (noch?) nicht beantworten kann, aus diesem Grund sagt die Auswahl in einem Buch sicher weniger etwas über die Wissenschaft oder ihren Stand aus, als vielmehr über die Interessen seines Autors. Die deutsche Wikipedia kennt ihn noch nicht, aber in der englischen Wikipedia wird Michael Hanlon schon erwähnt. Er ist ein britscher Wissenschaftsjournalist. In seinem Buch findet man die üblichen „großen“ wissenschaftlichen und metaphysischen Fragen, wie nach der Zeit, nach dunkler Materie und Energie, dem Leben im Universum, dem Wesen der Realität. Daneben eher ungewöhnliche Fragen wie „Was sollen wir mit den Dummen anfangen?“ und „Warum werden wir immer dicker?“.

In der Einleitung betont er, dass die Auswahl rein subjektiv und eher zufällig ist und dass er z.B. das Thema des Bewusstseins ausgespart hat. Das ist etwas kurios, denn sein erstes Kapitel mit der Frage „Haben Gorillas Humor?“ handelt eigentlich von nichts anderem. Er berichtet dort unter anderem von einer Exkursion zu den Berggorillas. Dort ist er einer kleinen Gruppe an einen See gefolgt, wo diese ihre Spiegelbilder im Wasser betrachtet haben und angesichts der Verzerrungen in eine Art Lachen ausgebrochen sind.

Gut, das waren Tiere. Sie ließen ihrer Art entsprechende Laute ertönen, die ein bisschen wie Kreischen und Pfeifen klangen. Ein exakter Wissenschaftler hätte – im Gegensatz zu einem Journalisten oder Touristen — ihre Körpersprache mit ganz anderen Begriffen beschrieben als „sich kugeln vor Lachen“. „Wer weiß, was in ihren Köpfen vorgeht?“, würden Wissenschaftler sagen. „Man sollte ihnen also besser nicht zu nahe kommen.“

Für mich ist es damit aber nicht getan. Wenn etwas aussieht wie eine Ente, läuft wie eine Ente und quakt wie eine Ente, dann ist es mithin naheliegender, einfach anzunehmen, dass es sich tatsächlich um eine Ente handelt, als irgendeine komplexe Analogie zu konstruieren. Diese Gorillas kugelten sich wegen etwas vor Lachen, das in den Wäldern der Virungaberge als Unterhaltung gelten kann. Und wenn ein Sinn für Humor kein Zeichen für Intelligenz und Selbstbewusstheit ist, dann wüsste ich nicht, was es dann sein sollte.

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Tiere sind nicht nur klüger, als wir einst angenommen haben, sie sind wahrscheinlich auch viel emotionaler, sich viel mehr ihrer selbst bewusst und auf vielerlei Weise uns viel ähnlicher, als wir je für möglich hielten. Hier befindet sich die Wissenschaft auf Kollisionskurs mit der Welt der akzeptierten Ethik und Moral, und man kann sich in naher Zukunft aufgrund unserer neuen Erkenntnisse leicht eine Revolution vorstellen. Wenn wir entscheiden, dass Tiere keine biologischen Maschinen sind, dann wird sich die gesamte Beziehung zwischen der Menschheit und der übrigen Tierwelt ändern müssen.

Vor noch nicht allzu langer Zeit wäre jeder eines hoffnungslosen Anthropomorphismus und der Sentimentalität bezichtigt worden, der behauptet hätte, andere Arten könnten denken, sich Werkzeugen und einer Sprache bedienen und „menschliche“ Gefühle wie Liebe, Güte und Einfühlungsvermögen zeigen.

Auf den folgenden Seiten wird dann eine der interessantesten Diskussionen der letzten Zeit reflektiert, ob man Tieren Rechte einräumen muss, die über das Verbot der Tierquälerei hinausgehen und die in letzter Konsequenz die Möglichkeiten ihrer Nutzung stark einschränken würden. Bemerkenswert war für mich das Folgende:

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Thomas Metzinger: Das letzte Rätsel der Philosophie: Was ist das Bewusstsein?

29. Mai 2014 Keine Kommentare

Thomas Metzinger: Das letzte Rätsel der Philosophie: Was ist das Bewusstsein?

Den Link zu einem interessanten dreiteiligen Vortrag von Thomas Metzinger beim SWR habe ich von einem Bekannten erhalten: Das letzte Rätsel der Philosophie. Ob die Bezeichnung „Das letzte Rätsel“ gerechtfertigt ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Man kann auf der verlinkten Seiten die drei Vorträge als Audiostream anhören, man kann auch die Manuskripte selbst herunterladen:

Teil 1

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Teil 2

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Teil 3

Download Manuskript

Meiner Meinung nach ist es recht schwierig, dem Vortrag zu folgen, wenn man ihn sich nur anhören kann, deshalb finde ich die Möglichkeit, die Texte herunterzuladen und langsam und mehrfach lesen zu können, außerordentlich gut, auch wenn Metzinger eine bemerkenswert klare Form des Ausdrucks hat. Sein Buch „Der Ego-Tunnel“ ist 2009 erschienen, einige Gedanken findet man in ähnlicher Form bereits in diesem Vortrag beim SWR.

In vielen Diskussionen in den letzten Jahren wurde die Frage aufgeworfen, wozu man bei allen Fortschritten in den Naturwissenschaften die Philosophie überhaupt noch braucht. Metzinger, der die Nähe zu Neurowissenschaftlern sucht, gibt vielleicht dazu eine gute Antwort:
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KategorienGehirn & Geist, Philosophie Tags:

Tatort Gehirn

20. Februar 2014 Keine Kommentare

Bezüglich der Diskussion um den freien Willen habe ich meinen Standpunkt seit mehreren Jahren nicht mehr geändert. Ich stimme in dieser Hinsicht überein mit den Ansichten, wie sie z.B. Geert Keil und Michael Pauen vertreten. Überwiegend im deutschsprachigen Raum gibt es eine Reihe von Neurowissenschaftlern (u.a. Gerhard Roth und Wolf Singer), die aus ihren Erkenntnissen bei der Untersuchung der Arbeitsweise des menschlichen Gehirns schlussfolgern, dass Menschen über so etwas wie einen freien Willen eigentlich gar nicht verfügen (können). Jedem Beobachter ist klar, dass das einschneidende Konsequenzen für unser Rechtssystem haben würde.

In der Geo 10/2013 gibt es in dem Artikel „Tatort Gehirn“ einen Bericht über einen fiktiven Gerichtsprozess, der genau diese Konsequenzen illustriert. Der Verteidiger eines Mörders argumentiert so:

„Sehen Sie – in diesem Moment wird mein Mandant extremen Provokationen ausgesetzt“, sagt der Verteidiger. „Die Hirnregionen, mit denen normale Menschen Affekte kontrollieren, sind bei ihm aber kaum aktiv.“ Genau wie in der Tatnacht könne das Gehirn des Täters auch jetzt kaum seine Impulse unterdrücken. Ein dreidimensionaler DNS-Strang taucht auf dem Hologramm im Gerichtssaal auf; der Verteidiger kreist eine Region mit dem Stift ein: „Und hier sitzt die verantwortliche Genmutation: eine Art Behinderung, für die mein Mandant nichts kann. Er muss für schuldunfähig erklärt werden.“

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Fangschreckenkrebse: Die Durchblicker vom Meeresgrund

26. Januar 2014 Keine Kommentare

Fangschreckenkrebse: Die Durchblicker vom Meeresgrund lautet die Überschrift eines Artikels in Spiegel Online zu einer Gruppe von Meereskrebsen. Der Artikel enthält eine Reihe sehr ansprechender und farbenprächtiger Fotos, z.B.:

Aber nicht, dass die Tiere selbst sehr farbenprächtig sind, macht sie so interessant, sondern ihr Farbensehen. Das interessiert mich aus zwei Gründen. Zum einen philosophisch, weil Farben ein klassisches Beispiel für Qualia sind, zum anderen beruflich, weil ich mit Farbkameras arbeite. Zu Beginn des Spiegelartikels liest man:
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Intelligenz, Kreativität – und Wissen

17. Oktober 2013 2 Kommentare

In Hohe Luft Nr. 6/2013 philosophiert Jörg Friedrich im Artikel „Gibt es intelligente Maschinen? Oder Kreative?“ über Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Begriffe „Intelligenz“ und „Kreativität“. Im Alltagsgebrauch verwendet man sie manchmal synonym, bei genauerem Nachdenken erscheinen sie einem aber unterschiedlich.

Begriffe wie Intelligenz und Kreativität können wir im Alltag sicher verwenden, aber wenn wir über sie nachdenken, werden wir schnell unsicher, was sie eigentlich bedeuten. Das fällt meist dann auf, wenn sie zum ersten Mal in ungewohntem Zusammenhang auftauchen, etwa wenn von künstlicher Intelligenz die Rede ist oder von der Intelligenz des Schwarms, oder wenn das Verhalten von Raben, die sich an Straßenkreuzungen von Autos Nüsse knacken lassen, als kreativ bezeichnet wird. Ist damit die gleiche Qualität gemeint, wie wenn wir vom intelligenten Schüler oder vom kreativen Künstler sprechen?

Die Sachverhalte, die wir mit den Begriffen Intelligenz und Kreativität bezeichnen, überlappen einander, und in der Alltagssprache müssen wir es damit auch nicht ganz so genau nehmen. Wir bringen mit der Rede über besonders intelligente Lösungen und besonders kreative Ideen unsere Hochachtung für Leistungen des menschlichen Geistes zum Ausdruck, die uns überraschen und die uns Bewunderung abverlangen.

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Aber beim genauen Hinsehen gibt es Unterschiede zwischen solchen Ideen und Taten, und es ist sinnvoll, dann zu differenzieren und die Begriffe zu schärfen. Von besonderer Intelligenz sprechen wir zumeist, wenn wir, um ein Ziel zu erreichen, ein Problem auf überraschende Weise gelöst haben. Der Psychologe James R. Flynn hat Intelligenz als die Fähigkeit bestimmt, Lösungen für Probleme zu haben, die uns nie zuvor begegnet sind.


Kreativität hingegen wird oft als Fähigkeit bestimmt, etwas völlig Neues zu schaffen. Der Philosoph Günter Abel meint, radikale Kreativität erkenne man daran, dass sie bestehende Regeln durchbricht und selbst stil- oder regelbildend wirkt. Maler wie Pablo Picasso und Salvador Dali, Musiker wie Arnold Schönberg, die sich aus den bestehenden Regeln der Kunst befreit haben und neue Regeln schufen, bezeichnen wir als kreativ.

Später im Artikel wird dann der Unterschied zwischen den beiden Begriffen so herausgearbeitet:
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Kluge Köpfe

23. Juni 2013 Keine Kommentare

Im Buchladen fiel mein Blick auf „Das Magazin“. In der DDR war es eine begehrte Zeitschrift, die man meist nur durch Zufall und „unter dem Ladentisch“ bekam. Es war eine Art Intellektuellenzeitschrift, die in der Themenwahl und auch in der Gestaltung offenbar einen gewissen Freiraum genoss. Als Jugendlicher war man ziemlich scharf darauf, ein Exemplar zu ergattern, denn irgendwo in jedem Heft war eine nackte Frau abgebildet. Welche Nische „Das Magazin“ heute besetzt, weiß ich nicht. Jedenfalls hatte mich das Hauptthema der Juniausgabe interessiert: „Lauter Schlauberger“ mit den weiteren Artikeln „Mitmachen & Schlapp lachen. IQ-Test“, „Intelligenter Nachwuchs. Hochbegabt – so klappts“, „Intelligenzwunder. Fische sind Geistesriesen“ und „Intelligenter Sex. Bettgeschichten“.

Der einführende Artikel zum Thema „Intelligenz“ heißt „Kluge Köpfe“. Unter anderem wird dort über einige Vereine in Deutschland berichtet, z.B. Mensa und die DGhK (die deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind). Was man über diese Organisationen im Artikel lesen kann, klingt vernünftig. Auch die Kritik am IQ und am Begriff „Intelligenz“ sind berechtigt:

Dabei ist bis heute nicht verlässlich definiert, was Intelligenz nun eigentlich ist. Matthias Moehls Verweis auf die Fähigkeit, hochkomplexe und komplizierte Aufgaben zu lösen, kommt immer wieder vor, aber mit diesem spärlichen Formelansatz hat es sich dann schon. Der Begriff wurde enorm gedehnt. Lag anfangs der Fokus rein im kognitiven Bereich, ist längst auch von sozialer, emotionaler, kreativer, musikalischer, körperlicher Intelligenz die Rede. Nicht nur Spaßvögel agieren angesichts dessen sophistisch mit dem Spruch: »Intelligenz ist, was ein Intelligenztest misst.«

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Davon gibt es allerdings unzählige. Abgesehen von den vielen Varianten, die zum Ausprobieren durchs Internet schwirren und arg verkürzte Formen sind, haben sich Fachkreise von Pädagogen, Medizinern und Wissenschaftlern auf etwa ein Dutzend verständigt. Sie alle prüfen durchaus bestimmte Fähigkeiten wie räumliches Vorstellungsvermögen, Logik, Sprachverständnis, aber setzen dann doch auch jeweils spezielle Schwerpunkte. Da muss man mal mehr, mal weniger Zahlenreihen vervollständigen, gemusterte Flächen zuordnen, Wortpaare bilden, Behauptungen entscheiden, zerlegte Figuren rekonstruieren, Pfeile, die wirrer sind als die Wetterberichtssymbole, sortieren. In manchen dominieren mathematisch-abstrakte Aufgaben, in anderen wird stärker das Sprachvermögen einbezogen. In einige fließt die Verhaltensbeobachtung während der Testsituation mit ein, in andere nicht.

Kritiker verweisen zudem auf die soziale Schieflage. Wer einen bestimmten Typ Aufgaben aus der Schule kennt, der kommt damit besser zurecht. Wer also an Schulen lernt, die Begabtenförderung praktizieren und zum Beispiel Tests ausschnittsweise üben, ist im Vorteil. Und es gibt noch einen guten Grund, dem ganzen Zahlenzauber rund um den IQ zu misstrauen, zumal die persönliche Situation, in der so eine Messung stattfindet, auch alles andere als normierbar ist. Wer unter Druck steht, kann Blockaden haben, wer vorher trainiert und weiß, was auf ihn zukommt, kann sein Ergebnis um zehn bis 15 Punkte verbessern, heißt es. Kein gutes Argument für eine Unanfechtbarkeit.

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Philosophische Zombies

4. Juni 2013 Keine Kommentare

Der Artikel in „Hohe Luft“ 4/2103 „Das Leben der Zombies“ hat ein für mich bereits bekanntes Thema wieder aktuell werden lassen. In dem Text liest man:

Man könnte sich eine Welt vorstellen, die exakt identisch ist mit unserer Welt. Mit einem einzigen Unterschied: In dieser Welt laufen unsere Zombie-Doppelgänger herum, die genauso aussehen und das Gleiche tun wie wir. Nun stellen Sie sich vor, dass Sie gerade mit Freunden ein gutes Glas Wein trinken. Der Wein schmeckt Ihnen, Sie fühlen sich beschwingt und vielleicht ein wenig angeheitert. Aber was geht in diesem Moment in Ihrem Zombie-Doppelgänger vor? Auch er sitzt mit seinen Zombie-Freunden zusammen und nippt am Wein. Ihr Zombie-Doppelgänger ist also nicht nur physisch identisch mit Ihnen, er verarbeitet auch die gleichen Informationen, er ist also »funktional identisch« mit Ihnen – und er macht sogar die gleichen Wahrnehmungen wie Sie. Doch er hat keinerlei bewusste Erfahrung.

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Eine solche Zombie-Welt ist offenbar logisch möglich. Aber wenn das stimmt, so behauptet der australische Philosoph David Chalmers, dann beruht Bewusstsein offenbar nicht nur auf physischen Tatsachen. Sein Argument ist simpel: In unserer eigenen Welt gibt es bewusste Erfahrungen, in der Zombie-Welt nicht. Offenbar ist die Existenz von Bewusstsein also eine weitere Tatsache über unsere Welt, die zu den physischen Tatsachen hinzukommt. Wenn das stimmt, kann die materialistische Auffassung, wonach Bewusstsein nur auf körperlichen Tatsachen beruht, nicht richtig sein. Und wenn ein Zombie ohne jegliche bewusste Erfahrung genauso »funktioniert« wie ein Mensch, dann erklären »funktionalistische« Beschreibungen offenbar nicht, was Bewusstsein ausmacht. Das Argument läuft offenbar auf einen Dualismus hinaus, wie eine spiegelbildliche Variante von Rene Descartes‘ Argument, wonach der Geist ohne den Körper existieren kann – woraus folgt, dass der Geist nicht mit dem Körper identisch sein kann.

In dieser verkürzten Form wird nicht verständlich, warum David Chalmers Ansichten von den Philosophen, die sich mit der Philosophie des Geistes beschäftigen, so ernst genommen werden. Etwas besser versteht man es bereits nach dem Lesen des entsprechenden Abschnitts im Zombie-Artikel der Wikipedia:
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Druwe Draaisma: Geist auf Abwegen

26. Mai 2013 Keine Kommentare

Meistens fällt es einem gar nicht auf, aber (geschichtliche) Ereignisse, Entdeckungen und Erfindungen werden häufig mit den Namen der Menschen verbunden, die sie verursacht oder gemacht haben. Bewusst wird einem das zum Beispiel, wenn sich die Bewertung historischer Ereignisse ändert und eine Adolf-Hitler- oder eine Willhelm-Pieck-Straße von den politischen Nachfolgern umbenannt werden. Ich kannte das Wort Eponym noch nicht, aber Druwe Draaisma hat sein Buch genau diesem Thema gewidmet: Wie in der Medizin die Namen von Wissenschaftlern oder Ärzten als Bezeichnungen für Krankheiten oder Syndrome verwendet werden. Es gibt davon Tausende, er hat sich auf eine kleine Auswahl aus der Hirnforschung beschränkt.

Eponyme sind Teil der Prozesse, die in der Wissenschaft Ruhm und Anerkennung regulieren. Mit einem Eponym, schrieb der Wissenschaftssoziologe Robert Merton, hinterlassen Wissenschaftler in der Geschichte »eine unauslöschliche Unterschrift; ihre Namen werden in alle wissenschaftlichen Sprachen der Welt aufgenommen. Hoch am Firmament leuchten Eponyme wie die Newtonsche Physik, die Euklidische Geometrie oder das Kopernikanische System. Die nächste Staffel bildet eine lange Reihe von „Vätern“ der Wissenschaften, Disziplinen oder Spezialgebiete: Bernoulli, „Vater der mathematischen Physik“, Wundt, „Vater der experimentellen Psychologie“ Hughlings Jackson, „Vater der britischen Neurologie.“

Ein paar Eponyme aus der Medizin haben es bis in die Alltagssprache geschafft. Man sagt „Er hat Alzheimer“, „Sie hat Parkinson“ oder „Das Kind ist ein Aspi (hat das Asperger-Syndrom)“. Es sind in diesen drei Fällen die (Familien)Namen der Personen, die an der Erforschung beteiligt waren. Nach Draaisma wurde die Mehrzahl aller Eponyme in einer vergleichsweise kleinen Periode der Vergangenheit geprägt, heute werden neue Namen eher aus den Abkürzungen der Fremdwortagglomerationen gebildet, wie bei Aids (Acquired Immune Deficiency Syndrome), ALS (Amyotrophe Lateralsklerose, Stephen Hawkings Leiden) oder MS (Multiple Sklerose). Die Zeit der großen Eponyme scheint vorbei.
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