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Archiv für die Kategorie ‘Fiktion’

Der Klassensprecher

24. Februar 2011 Keine Kommentare

In der Schule gab es einen Klassensprecher, der bei seinen Mitschülern äußerst beliebt war. In der letzten Klassenarbeit, bei der er zwischen zwei seiner Klassenkameraden saß, schrieb er von seinen Banknachbarn ab. Sein linker und sein rechter Nebenmann erhielten eine Zwei, er selbst jedoch eine Eins, weil er sich ja aus beiden Quellen bedienen konnte.

Als die Klassenarbeit ausgewertet wurde, lobte ihn die Lehrerin: „Schaut her, was Ihr für einen fleißigen Mitschüler habt. Obwohl er als Klassensprecher doch so viel Arbeit hat, hat er sich doch gut auf die Klassenarbeit vorbereiten können und als einer von ganz wenigen eine Eins erhalten.“ Danach teilte sie die Klassenarbeit aus. Als die Kinder sich gegenseitig ihre Arbeiten zeigten, kam der Beschmuh heraus. Bevor die Lehrerin dem Musterschüler eine Fünf geben konnte, rief dieser aus: „Ich sehe meinen Fehler ein, bitte, Lehrerin, geben Sie mir eine Fünf!“
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Man schmiede eine goldene Brosche…

7. Mai 2010 Keine Kommentare

Als Köppnick zum ersten Mal die Stufen zur königlichen Schatzkammer hinabstieg, war ihm seltsam zumute. Was würde er wohl dort vorfinden, worin das Erbe seines Vaters bestehen? Der Oberste Schatzzwerg öffnete die schwere Eisentür und bat ihn herein. Obwohl der Raum nur mit wenigen Kerzen versehen war, die durch den Luftzug der geöffneten Tür knisternd zu flackern begannen, erschien der Raum sehr hell. Ein intensives Leuchten ging von den geöffneten Truhen aus.

Köppnick beugte sich über die erste, der Widerschein färbte auch sein Gesicht und ließ seine Augen glänzen. Sein Herz begann zu pochen, als er die goldenen Münzen und Pokale sah, von denen einige mit Edelsteinen besetzt waren, die noch heller glitzerten als das Gold, und die ein Punktmuster an die Wände der Truhe und die Mauern der Kammer warfen. „Hier, Euer Majestät!“ Ehrerbietig verneigte sich der Zwerg vor seinem Herrn und ließ einen noch warmen Goldbarren in Köppnicks Hände gleiten.
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Zur Realität mathematischer Objekte

6. März 2009 Keine Kommentare

Vor langer Zeit beschäftigte sich der Mathematiker B, von praktischen Problemen inspiriert, mit der mathematischen Modellierung des Raumes. Das von ihm entwickelte Modell X des Dreidimensionalen war perfekt dazu geeignet, die Beobachtungsergebnisse der Physik seiner Zeit zu beschreiben. Bevor er jedoch die in seinem Kopf befindliche, lückenlos logische Beweisführung seiner Überlegungen aufschreiben konnte, starb er.

Kurze Zeit später fand der Mathematiker C eine ganz ähnliche Beschreibung X‘. Obwohl schon schwer krank, gelang es ihm vor seinem Tod sowohl seine Herleitungen zu notieren als auch seiner Frau von seinen Erkenntnissen zu berichten. Leider konnte seine Frau in dem Nachlass diese Papiere nicht finden. Aber jedem, der es wissen wollte, erzählte sie von der Arbeit ihres Mannes. Als Csche Vermutung überdauerte diese Behauptung von dem neuen mathematischen Objekt die Zeit.
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Odom

5. März 2009 Keine Kommentare

Bereits als er sie das erste Mal gesehen hatte, verliebte er sich in sie. Seitdem ging er fast jeden Tag nach Feierabend in die Bibliothek, wo sie arbeitete. Aber wenn er seine Bücher vor ihr ausbreitete, drückte sie ohne hinzusehen den Verlängerungsstempel hinein. Erst nach einem halben Jahr sprach er sie an: „Würden Sie mit mir einen Kaffee trinken gehen?“ Als hätte sie nur darauf gewartet, hob sie den Kopf, sah ihn prüfend an und nickte leicht mit unmerklicher Verzögerung.

Danach ging alles sehr schnell. Bereits nach einem Vierteljahr zog sie bei ihm ein. Als junger Assistenzprofessor hatte er eine kleine bescheidene Wohnung auf dem Campus erhalten. Zu ihrer Hochzeit Ende des Jahres kamen nur wenige Gäste. Seine Eltern waren mächtig stolz auf ihren Sohn, dazu waren noch ein paar Kollegen und alte Freunde anwesend. Seine junge Frau schien keine Verwandten zu haben und er fragte sie nicht danach.
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Beim Mittagessen

21. Januar 2009 Keine Kommentare

Am Abend zuvor hatte Köppnick mit großem Interesse den folgenden Artikel gelesen:

Möglichst lange leben, das wollen viele Menschen. Was man tun kann, um sein Leben zu verlängern, das möchte jeder wissen; darum sind zwei Studien der Universitäten von Harvard und Cambridge sehr nützlich, die Hilfe bieten für den Gewinn an Lebenszeit. Die Cambridge-Forscher beispielsweise haben wichtige Faktoren für den Lebensplaner herausgearbeitet. Ein langes, ausgefülltes Sexualleben bringt zweieinhalb Jahre mehr Lebenszeit, und wenn man religiös ist und viele Freunde hat, gibt es drei Jahre hinzu. Weintrinken wird mit vier Jahren belohnt, Bildung mit bis zu fünf Jahren zusätzlicher Lebenszeit, Nichtrauchen bringt zehn Jahre, relativer Wohlstand und das Wohnen in einer „besseren“ Gegend bringen sogar 20 Jahre. Anerkennung ist auch nicht schlecht: Nobelpreisträger werden im Schnitt 1,8 Jahre älter als Kollegen, die zwar nominiert waren, aber nicht ausgezeichnet wurden.

Am nächsten Tag, auf dem Weg zum Mittagessen, erwähnte Köppnick, bei dem es bis auf den heutigen Tag noch nichts mit dem Nobelpreis geworden war, dass er ab jetzt vermutlich regelmäßig in die Kirche zum Beten gehen müsse, um den sonst drohenden katastrophalen Verlust an Lebenserwartung zu kompensieren.
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H.G. Wells: Die Zeitmaschine

13. Januar 2009 Keine Kommentare

„Aber“, sagte der Arzt, den Blick starr auf ein Stück Kohle im Kamin geheftet, „wenn Zeit tatsächlich nur eine vierte Dimension des Raumes ist, warum wird und wurde sie dann immer als etwas anderes angesehen? Und warum können wir uns innerhalb der Zeit nicht so frei bewegen wie in den anderen Dimensionen des Raumes?“

Der Zeitreisende lächelte. „Sind Sie so sicher, dass wir uns im Raum frei bewegen können? Nach rechts und links, vorwärts und rückwärts können wir uns wohl ziemlich ungehindert fortbewegen, und das haben die Menschen auch seit jeher getan. Ich gebe also zu, dass wir uns in zwei Dimensionen frei bewegen können. Aber wie steht es mit aufwärts und abwärts? Hier setzt uns die Schwerkraft Grenzen.“

Ich habe in der Wikipedia nachgelesen, H.G. Wells schrieb seinen Roman Die Zeitmaschine bereits 1895, 10 Jahre vor der Erstveröffentlichung der Speziellen Relativitätstheorie. So wie die Zeitmaschine in seinem Buch funktioniert, lässt es die (heute bekannte) Physik aber nicht zu. Es gibt zwei spekulative Ansätze, die winzig kleine theoretische Schlupflöcher lassen:
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Carl Sagan: Contact

2. Januar 2009 Keine Kommentare

Das Buch hatte ich schon eine ganze Weile gesucht und die Hoffnung auf ein deutschsprachiges Exemplar schon fast aufgegeben, obwohl es eine deutsche Ausgabe gibt. Kurz vor Weihnachten hat es dann geklappt. Auf meinem Exemplar steht „Preisred. Mängel-Exemplar“, ich konnte nicht herausfinden, worin der Mangel bestehen soll. An anderer Stelle aber habe ich gelesen, dass es aufgrund der Buchpreisbindung in Deutschland Buchhandlungen nicht möglich ist, neue Bücher unter dem offiziellen Preis zu verkaufen. Der Mängelstempel löst dieses Problem in der Art einer self-fulfilling prophecy. Der Stempelabdruck ist selbst der Mangel, wegen dem die Buchhandlung ein Buch, auf dem sie sonst sitzen bleiben würde, billiger verkaufen kann. Nur bei Carl Sagans Buch sollte dieser marktwirtschaftliche Trick nicht nötig sein.

Das Buch ist mit Jodie Foster in der Hauptrolle verfilmt worden, zur Geschichte sowohl des Buchs als auch des Films siehe die Wikipedia. Der rote Faden ist schnell skizziert: Auf der Erde wird durch Radioteleskope eine Botschaft empfangen, die sich als das Signal einer außerirdischen Zivilisation entpuppt. Es gelingt, die Botschaft zu entschlüsseln. Sie enthält detaillierte Pläne für den Bau einer Maschine. Nach heftigen Diskussionen wird mit dem Bau der Maschine begonnen, obwohl ihr Zweck nicht klar ist und obwohl die dafür benötigten Ressourcen gewaltig sind – es ist eine Zusammenarbeit aller Staaten der Erde notwendig (das Buch wurde 1985 geschrieben, damals existierte die Sowjetunion noch). Und nach der Fertigstellung der Maschine kommt es zum „Contact“ mit einer / mehreren / allen fortgeschrittenen Zivilisationen unserer Galaxis / des gesamten Universums.
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Der Weltuntergang ist nahe!

30. Dezember 2008 Keine Kommentare

Köppnick lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und rieb mit den Fingern über seine schmerzenden Augen. Trotz zunehmender Müdigkeit war er euphorisch, denn er hatte den entscheidenden Abschnitt des Textes jetzt fertig übersetzt:

Es ist 9:32, am 11. Februar 63.327.856 vor Christus, wo ich soeben aus dem Stall zurückgekommen bin. Die Sauropoden wollen ihr Farn nicht fressen, weil es heute morgen dunkel geblieben ist.

Es war Köppnick nicht leicht gefallen, die alte krakelige Schrift zu entziffern. Aber welche Sensation würde seine Übersetzung in der Fachwelt auslösen, war es doch der erste klar datierte Hinweis auf den genauen Zeitpunkt des Aussterbens der Dinosaurier! Mit diesem Text konnte der Zeitpunkt des Weltuntergangs für die Saurier auf den Zeitraum zwischen dem Sonnenuntergang am 10. Februar 63.327.856 vor Christus um 17:41 und dem Sonnenaufgang am 11. Februar 63.327.856 vor Christus 7:57 eingegrenzt werden. Viele Fachbücher würde man umschreiben müssen, denn in den meisten hieß es noch:

Die Saurier starben aus, weil es nach dem Einschlag eines gewaltigen Meteoriten auf der Erde längere Zeit dunkel wurde.

Wie sich jetzt gezeigt hatte, war das völlig falsch, denn offenbar wurde es nicht dunkel, sondern, da der Einschlag nachts erfolgt war, blieb es das einfach nur. Der soeben übersetzte Eintrag war übrigens der letzte im Tagebuch des saurischen Bauern geblieben. Vermutlich gingen ihm noch im Laufe des ersten Tages die Kerzen aus und im Dunkeln konnte oder wollte er nicht weiter schreiben.
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Cornelia Funke: Herr der Diebe

26. Dezember 2008 Keine Kommentare

Der Anlass des Interviews mit Cornelia Funke im Spiegel war sicherlich der Kinostart des Films „Tintenblut“. Ich habe überlegt, mir den Film anzusehen, und bin dann doch nicht gegangen. Ich kenne das Buch nicht und habe die Erfahrung gemacht, dass sich, wenn man zuerst einen Film sieht und erst danach das Buch liest, die falschen Bilder im Kopf festsetzen und man die größere Komplexität des Geschriebenen nicht mehr wahrnimmt. Das Buch „Tintenblut“ war auf die Schnelle nicht aufzutreiben, aber „Herr der Diebe“ hat mir eine Bekannte geborgt.

Cornelia Funke gilt als die erfolgreichste deutsche Kinderschriftstellerin, wobei dafür als Erfolgsmaßstab die Anzahl der verkauften Bücher gilt, 10 Millionen sind es wohl. Ich habe überlegt, wie ein solcher Erfolg zustande kommt. Kinder lesen die Bücher zwar und können ihre Eltern auch mächtig bedrängen, aber gekauft werden die Bücher von Erwachsenen. Das heißt, die Bücher müssen zuallererst Gnade bei den Eltern finden. Das geht sicherlich am besten, wenn diese etwas in den Büchern findet, das eine auch für Erwachsene noch hinreichende Tiefe hat, etwas, das sie mit sich selbst verbinden können oder das sie an ihre eigene Kindheit erinnert, sie andererseits aber der Meinung sind, das wäre genau das Richtige für ihre Kinder.
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Larry Niven, Jerry Pournelle: Der Splitter im Auge Gottes

16. Dezember 2008 Keine Kommentare

Eigentlich lese ich seit langem keine SF mehr, bei meinem letzten Umzug vor knapp 3 Jahren habe ich deshalb auch den größten Teil dieser Bücher entsorgt. Verblieben sind lediglich diejenigen der über das Genre hinaus bekannten Autoren wie Stanislaw Lem, Isaac Asimov, die Brüder Strugatzki, Angela und Karl-Heinz Steinmüller, sowie einige wenige Bücher, an deren Inhalt ich mich noch erinnern konnte. So war ich ziemlich verblüfft, dass mir beim Aufräumen „Der Splitter im Auge Gottes“ auffiel. Wann und warum hatte ich es gekauft? Es ist ja keine Neuerscheinung. Eine kurze Recherche im Netz ergab dann die Ursache meines Kaufes.

Wahrscheinlich habe ich nach der Jugend das Interesse SF verloren, weil sie zu großen Teilen unlogisch sein muss und die meisten Bücher einfach schlecht. Gute SF zeichnet sich dadurch aus, dass man sich dort nicht lang und breit über Technik auslässt, sondern diese lediglich den Hintergrund bildet für menschliche Probleme und Konflikte, die nur an einem ungewöhnlichen Ort und in der Zukunft ausgebreitet, ausgefochten und manchmal gelöst werden. Solcherart negativ vorgestimmt, hat mich der Beginn des Buchs auch eher geärgert:
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