Archiv

Archiv für die Kategorie ‘Fiktion’

Andreas Eschbach: Herr aller Dinge

27. Oktober 2015 Keine Kommentare

„Der Herr aller Dinge“ ist ein typisches Buch von Andreas Eschbach. Science Fiction, aber sorgfältig recherchiert, auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft aufbauend und eine denkbare Entwicklung in die Zukunft extrapolierend. Ich möchte hier keine Inhaltsangabe seines Buchs geben, sondern nur drei wesentliche Gedanken kommentieren. Die erste Idee beschäftigt sich mit der Zukunft der Arbeit, was Aufgabe der Technik ist und was Reichtum wirklich bedeutet:

Wenn wir von Reichtum reden, dam reden wir nicht von Geld, sondern von Arbeit. Würde Reichtum bedeuten, viel Geld zu haben, wäre es ja einfach, jeden reich zu machen: Man müsste nur genügend Geld drucken und es an alle verteilen. Das funktioniert nicht, weil Geld eben nur bedrucktes Papier ist. Es geht nicht um Geld – es geht um Arbeit. Reichtum heißt, imstande zu sein, andere für sich arbeiten zu lassen.

Hiroshi Kato, die Hauptfigur im Buch, stammt aus einem armen Elternhaus und erkennt diesen Zusammenhang sehr früh in der Kindheit. Sein Plan besteht darin, Maschinen zu bauen, die jedem Menschen die benötigten Güter zur Verfügung stellen. Dann wäre jeder reich, ohne dass andere für ihn arbeiten müssten. An der Uni diskutiert er mit einem Professor darüber:

»Ach ja? Nach Ihrer Logik wird es aber nach und nach immer weniger Jobs geben.«

»Es wird zunächst andere Jobs geben. Vor hundert Jahren war ein Drittel der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig, heute sind es noch drei Prozent. Trotzdem haben wir nicht lauter arbeitslose Bauern.«

»Schönes Argument«, meinte DeLouche siegessicher. Er beugte sich leicht vor, wie immer, wenn er damit rechnete, seinem Kontrahenten demnächst den finalen Stoß zu versetzen. »Aber was hilft das dem Arbeiter, der durch einen Roboter ersetzt wurde, auf der Straße steht und Arbeit braucht?«

anzeigen...

Es war so mucksmäuschenstill, dass man die klinisch weißen Leuchtelemente an der Decke surren hörte. Und natürlich das Blech an der Luftzufuhr mit seinem unablässigen tak-a-tak-tak-a.

»Genau genommen«, sagte Hiroshi bedächtig, »braucht er nicht Arbeit. Er braucht Geld. Oder, allgemein gehalten, er muss seinen Lebensunterhalt sicherstellen. Das ist das eigentliche Problem.«

»Womit wir beim Sozialsystem wären«, erwiderte DeLouche. Er musterte Hiroshi über den Rand seiner Brille hinweg. »Können Sie sich eigentlich auch vorstellen, dass Menschen gerne arbeiten? Dass sie ihre Arbeit als identitätsstiftend empfinden? Und nicht nur als Mittel, um den Lebensunterhalt zu sichern?«

»Doch, bei Ihnen kann ich mir das vorstellen«, erwiderte Hiroshi mit ausdruckslosem Gesicht. »Aber meine Mutter zum Beispiel war Wäscherin. Sie hat jahrelang jeden Tag Dutzende von Handtüchern, Tischtüchern und Unmengen von Kleidung gewaschen, getrocknet und gebügelt. Und sie fand das kein bisschen identitätsstiftend. Als sie es nicht mehr tun musste, hat sie sofort gekündigt.«

Es ist eine ähnliche Diskussion, wie sie auch bei uns im Zusammenhang mit dem bedingungslosen Grundeinkommen geführt worden sind.

Hiroshi nickte. »Na also. Sie geben sich die Antwort damit selber. Die Maler werden auch in Zukunft weiter malen, aber die Müllmänner werden eher nicht mehr arbeiten.«

Ohne das an dieser Stelle noch weiter vertiefen zu wollen, ist völlig klar: Viele heutige Tätigkeiten sind nicht sinnstiftend, sie würden sofort nicht mehr gemacht werden, wenn die Betreffenden es nicht müssten – das erfüllt die Definition von Zwangsarbeit.

Mehr…

Blödkäppchen und der Wolf

14. November 2014 Keine Kommentare

Es war einmal vor langer Zeit an einem schönen, sonnigen Tag, als der Jäger mit seiner Frau in den Wald fuhr. Ihren Wagen ließen sie hinter der Kurve auf dem Weg stehen, dann gingen die beiden zu Fuß weiter, um Beeren zu sammeln. Kurze Zeit später kam Blödkäppchen mit ihrer Freundin angebraust. Blödkäppchen war recht zügig unterwegs, vielleicht wollte sie ihrer Großmutter frisches Obst bringen, vielleicht aber war sie auch einfach zu einer Party unterwegs. Weil sie eigentlich zu schnell fuhr und es erst spät sah, wäre sie fast in das Auto des Jägers hineingekracht. Sie bremste und wartete ein Weilchen auf den Jäger, dann wurde sie ungeduldig – „Wieso muss ich denn hier stehen?“ – und setzte zum Vorbeifahren an. Weil sie sich nicht besonders geschickt anstellte, rammte sie das auf dem Weg stehende Auto. Benommen stiegen Blödkäppchen und ihre Freundin aus. Durch den Lärm alarmiert, eilten auch der Jäger und seine Frau herbei.

Blödkäppchen entschuldigte sich wortreich beim Jäger und seiner Frau. Der Jäger tröstete sie: „Fräulein Blödkäppchen, das ist doch nicht so schlimm, als Fahranfänger hatte ich vor vielen Jahren auch mal einen Unfall. Doch hier und heute ist niemand zu Schaden gekommen. Wir lassen die beiden Wagen reparieren und alles wird wieder gut.“ Blödkäppchen war sehr erleichtert, sie setzte sich wieder ans Steuer, fuhr etwas zurück, lenkte jetzt etwas geschickter und düste davon. Hinter ihr blieb nur eine große Staubwolke über dem Weg stehen. Der Jäger und seine Frau blickten den beiden Mädchen nach, die Frau des Jägers zweifelte: „Besonders viel scheint Blödkäppchen ja nicht aus ihrem Fehler gelernt zu haben.“
Mehr…

KategorienAlltag, Fiktion Tags:

Timeshift

27. August 2014 Keine Kommentare

Schon seit Wochen waren wir mit unserem Team in diesem Teil des Dschungels. Wir wollten seltene Zwergäffchen in ihrem natürlichen Lebensraum beobachten. Manfred lief vor mir, um den Weg mit der Machete freizuschlagen, als es über ihm raschelte. Ich sah die grüne Boomslang zuerst und rief ihm zu: „Nicht bewegen, da ist eine Schlange neben dir im Gebüsch!“ Manfred erstarrte auf der Stelle, die Hand mit der Machete erhoben. Die Schlange kroch langsam weiter durch die Blätter, vielleicht einen halben Meter von seinem Kopf entfernt. Ich sah wie Manfreds Arm zitterte. Wenn man die Machete so halten muss, wird sie allmählich höllisch schwer.

Plötzlich knackte ganz in der Nähe ein Zweig, wahrscheinlich war ein kleineres Tier, das wir nicht sehen konnten, unmittelbar neben dem Weg im Unterholz unterwegs. Manfred erschrak und konnte seinen Arm nicht mehr ruhig halten. Ob die Schlange das Geräusch ebenfalls gehört hatte, weiß ich nicht, aber Manfreds Bewegung war ihr jedenfalls nicht entgangen. Sie fuhr herum und biss in den erhobenen Arm, mit dem Manfred die Machete hielt. Mit einem Schreckenschrei schüttelte Manfred die Schlange ab, sie fiel zischend auf den Boden und drehte sich augenblicklich um. Doch Manfred war schneller als sie, mit der Machete hieb er auf sie ein. Nachdem er sie in Stücke gehackt hatte, lies er die Machete fallen und sah auf seinen Arm. „Scheiße!“

Mehr…

KategorienFiktion Tags:

Akif Pirinçci: Die Damalstür

26. August 2014 Keine Kommentare

Im Frühjahr hatte ich den Film Die Tür gesehen und mir danach das Buch von Akif Pirinçci, das die Vorlage für diesen Film gewesen ist, Die Damalstür, besorgt. Das zentrale Ereignis im Film ist, dass der gescheiterte Maler David Andernach, der einige Zeit vorher schuldig am Tod seiner Tochter geworden ist, durch eine Tür in die Vergangenheit gelangt und dort den Tod seiner Tochter verhindern kann. Als er dort seinem jüngeren Selbst begegnet, bringt er dieses um. In der Wikipedia wird der Inhalt so beschrieben:

… findet er Leonie ertrunken im Swimmingpool auf.

Fünf Jahre später, … findet er einen Schmetterling, dem er in einen ihm unbekannten Gang folgt. David öffnet die Holztür am Ende des Gangs und findet sich plötzlich im Sommer wieder. Er beobachtet sich selbst die Straße zu Gias Haus überquerend und erkennt, dass er sich in der Zeit vor fünf Jahren befindet. In letzter Sekunde gelingt es ihm, Leonie aus dem Pool zu retten. Als sein jüngeres Ebenbild ins Haus zurückkehrt und ihn als potentiellen Einbrecher angreift, bringt David es in Notwehr um.

Der Film wird immer verstörender, dem Zuschauer wird gezeigt, dass die meisten Bewohner der Straße ebenfalls durch die Tür gekommene Doppelgänger sind, die ihre jüngeren Ichs umgebracht und in den Gärten der Häuser vergraben haben. Diese Grundidee des Films findet man auch im Buch wieder. Allerdings kehrt der Maler im Roman gleich mit seiner geschiedenen Frau zurück. Statt einer Tochter im Film hat er hier seinen Sohn David verloren und dieser ist noch gar nicht geboren in der Zeit, in die ihn die Tür zurückführt. Und im Buch gehen die beiden ehemaligen Eheleute bereits mit dem festen Vorsatz zurück, ihre Vorgänger umzubringen, um an einer glücklichen Stelle in ihrer Vergangenheit ihr Leben fortzusetzen und ab dort alles besser zu machen.

Bereits zu Beginn hat mir eine Stelle gut gefallen, die einen Gedanken zeigt, den ich auch schon häufiger in einer modernen Kunstausstellung oder Aufführung hatte:

Mehr…

KategorienFiktion, Gesellschaft, Rezensionen Tags:

Entwicklungsstufen

23. Juli 2014 4 Kommentare

Von Zeit zu Zeit grüble ich darüber nach, wie die Zukunft aussehen könnte, nicht unbedingt meine eigene oder die der Menschheit, sondern mehr generell die ferne, die sehr ferne Zukunft. Vor kurzem wurde dieses Nachdenken durch Andreas Eschbachs Buch Exponentialdrift wieder wach gerufen. Um meine aktuellen Gedanken besser zu verstehen, zunächst ein Blick in die Vergangenheit und ein Analogiebeispiel.

Die Wissenschaft ist heute der Ansicht, dass unser Universum aus einem räumlich sehr kleinen und sehr heißen Urzustand entstanden ist und sich alle heute vorhandenen Strukturen während der folgenden Ausdehnungs- und Abkühlungsphase gebildet haben. Nehmen wir zunächst die Evolution der Pflanzen und Tiere auf der Erde. Gibt es erst einmal Lebewesen, dann lässt sich deren Anpassung an eine sich verändernde (belebte und unbelebte) Natur mit nur drei Prinzipien beschreiben:

Mehr…

KategorienEvolution, Fiktion, Visionen Tags:

Komische Dinge lassen die Leute auf der Straße liegen

2. Februar 2014 Keine Kommentare

Tante Siggi stand am Herd und rührte ihre Suppe. Sie war in Eile, denn erst am Morgen hatte sie bemerkt, dass ihr die Kartoffeln ausgegangen waren und sie deshalb nochmals schnell auf den Markt gehen musste. Jeden Moment konnte ihr Neffe Max von der Uni zurück sein, und auch Horst hatte sein Kommen angekündigt. Um ihre Füße strich Balthasar, der Kater. Natürlich war dieser wenig an den Kartoffeln in der Suppe interessiert, aber vielleicht würde Sigrid ja eines der Fleischstückchen fallen lassen, die sie vorhin kleingeschnitten hatte, und die jetzt auf einem Brettchen neben dem Herd auf ihren Einsatz in der Suppe warteten?

Siggi schöpfte mit dem Löffel etwas Suppe aus dem Topf, um diese noch besser abzuschmecken. Gerade als sie den Mund öffnete, um etwas Suppe zu schlürfen, lösten sich ihre dritten Zähne vom Gaumen, sausten am Löffel vorbei und platschten direkt in die Suppe. Verdammt! Dass ihre Zähne so schlecht hielten, hatte sich Siggi selbst zuzuschreiben. Jahrelang hatte sie alleine in ihrer kleinen Mansardenwohnung gelebt und ihre Zähne nur selten in den Mund genommen. Und als zu Beginn des Semesters ihr Neffe Max bei ihr eingezogen war, musste sie feststellen, dass ihre Dritten nicht mehr so gut passten wie noch vor einigen Jahren.
Mehr…

KategorienFiktion Tags:

Ray Bradbury: Die Mars-Chroniken

9. November 2013 Keine Kommentare

Das bekannteste Werk von Ray Bradbury ist sicher Fahrenheit 451, eine Dystopie auf eine Zukunft, in der der Besitz von Büchern streng verboten ist, weil vermeintlich das mit dem Lesen verbundene Denken die Menschen in der Vergangenheit in den Abgrund getrieben hat. Die Mars-Chroniken sind etwas früher erschienen, aber es ist auch dort eine nicht wünschenswerte Zukunft, die der Autor skizziert: In der Mitte des 21. Jahrhunderts erreichen erst ein, zwei und schließlich sehr viele Raumschiffe den Mars, der bereits seit langem von telepathisch begabten Marsianern besiedelt ist. Diese werden aber im Verlauf der menschlichen Kolonialisation immer weiter verdrängt und spielen letztlich nur noch eine Nebenrolle im Buch.

Das Buch ist 1950 geschrieben worden, die darin enthaltenen und lose miteinander verknüpften Geschichten beschreiben Ereignisse in den Jahren 2030 bis 2057. Ich habe früher sehr viel ScienceFiction gelesen, in den letzten Jahren eher weniger. Wenn ich heute SF-Bücher von damals in die Hand nehme, dann sind tatsächlich nur noch die interessant, in denen weniger konkrete technische Geräte und Erfindungen, als vielmehr komplexe menschliche Beziehungen und Auseinandersetzungen beschrieben werden. Das Futuristische spielt nur eine Rolle, um die Geschehnisse aus dem Hier und Jetzt in eine fremde Umgebung und andere Zeit zu platzieren. Bradburys Buch ist dafür ein charakteristisches Beispiel. Man nehme z.B. den folgenden Absatz:

Auch auf dem Mars war der Mensch zu sehr Mensch geworden und nicht genug Tier. Und die Menschen vom Mars erkannten, dass sie, wenn sie überleben wollten, jene eine Frage nicht mehr stellen durften: Warum leben wir? Das Leben war seine eigene Antwort. Leben hieß, weiteres Leben hervorzubringen und ein möglichst gutes Leben zu leben. Die Marsianer erkannten, dass sie sich die Frage Warum leben wir überhaupt? vor allem in einer Periode des Krieges und der Verzweiflung stellten – zu einer Zeit, da es keine Antwort gab. Aber als die Zivilisation wieder zur Ruhe gekommen und der Krieg beendet war, wurde die Frage auf andere Art sinnlos. Das Leben war jetzt etwas Gutes und machte Diskussionen unnötig.«

Mehr…

KategorienFiktion, Rezensionen, Visionen Tags:

Das Märchen von den bösen US-Wölfen und dem lieben Qaida-Geißlein

13. September 2011 2 Kommentare

In einem Diskussionsforum verfolge ich derzeit und bin (leider, Zeitverschwendung,) an einer Diskussion zu 9/11 beteiligt. Die abstruseste Idee, die dort geäußert wurde, war, dass in den Zwillingstürmen kleine Atombomben gezündet worden sind. Um mir etwas Luft zu verschaffen, entstand die folgende Geschichte.

Alle bisher geäußerten Meinungen in Kommentaren in diesem Forum sind mit K gekennzeichnet, alle Links, die man im Netz finden kann, mit L, dazu kommen Ansichten A, die ich in ein paar privaten Gesprächen von anderen gehört habe, und ein paar Fakten F gibt es auch. Da die Varianten eigentlich zueinander inkompatibel sind, bezeichne ich die folgende Geschichte als

Das Märchen von den bösen US-Wölfen und dem lieben Qaida-Geißlein

Bin war schon lange unser bester Freund. Zuerst hatte er uns geholfen, die Sowjets aus Afghanistan zu vertreiben (F), was wir ihm danach gern als ständigen Wohnsitz zur Verfügung stellten. Danach verfolgte er mit unserem Einverständnis ein paar mehr private Projekte. Zuerst versuchte er 1993 das World Trade Center in die Luft zu sprengen. Geplant war, es zu bester Geschäftszeit zum Einsturz zu bringen, was etwa 100.000 Menschen das Leben gekostet hätte. Aber Bin war nicht so erfolgreich, nur 6 Menschen starben. Dann waren seine Leute 1997 in Luxor beteiligt (68 Tote). 1998 sprengte er unsere Botschaften in Nairobi und Daressalam in die Luft (224 Tote). Auch im Jahr 2000 gelangen ihm ein paar Anschäge mit einigen Dutzend Tote (alles F).

Wir nahmen ihn ins Gebet: „Hör mal Bin, kannst du nicht mal einen richtig großen Anschlag durchführen, am besten mitten in den USA? Unsere Leute beginnen sich langsam zu wohl zu fühlen, außerdem wollen wir sie gern ein wenig mehr unterdrücken und überwachen, und einen Krieg im Ausland würden wir auch gern führen.“ (K) Um ihn auf den richtigen Gedanken zu bringen, brachten wir im Jahr 2000 einen Spielfilm heraus, in dem Flugzeuge ins World Trade Center rasen (L). Unsere Gewährsleute in Hollywood hatten ihn gedreht, er diente auch dazu, die Bevölkerung auf unsere Pläne einzustimmen. Bin zeigte sich begeistert und versprach sein Möglichstes zu tun.
Mehr…

KategorienFiktion, Logik, Politik Tags:

Das quadratische Universum II

12. September 2011 Keine Kommentare

Nachdem ich den Text über das quadratische Universum auch in einem Diskussionsforum veröffentlicht hatte, erhielt ich dort die folgende Antwort:

Lustig, dass ausgerechnet die Figur den Atheisten spielt, der nicht an ein höheres Wesen glaubt, im englischen Bischof heißt… Zufall?

Ich antwortete:

An so etwas hatte ich nicht gedacht, aber ansonsten ist die Aufteilung der Figuren durchaus planvoll:

  • Offiziell steht der König im Zentrum der Aufmerksamkeit, aber er ist schwach und muss von den anderen geschützt werden, die sich im Zweifelsfall für ihn opfern.
  • Die Dame ist die mächtigste Figur. In realen Spielen kann man beobachten, wie Spieler beutetrunken mit ihr auf Raubzug gehen und dabei manchmal ihren eigenen König vergessen.
  • Die Türme sind ebenfalls mächtig, aber schwerfällig und sich erst spät am Spiel beteiligend.
  • Die Läufer sind etwas einseitig, weil sie nur Felder einer Farbe erreichen können. Eine Hälfte des Brettes bleibt ihnen a priori verschlossen. Und diese Hälfte durchdringt die andere Hälfte.
  • Die Springer sind wendig und mit jedem Zug wechseln sie die Farbe. Zudem sind sie die einzigen, die vor den Bauern ins Spiel starten können. Ihre Züge sind sehr schwer vorherzusehen. Es ist außerordentlich schwer zu beweisen, mit welcher Zugfolge sie nacheinander alle Felder des Brettes erreichen können.
  • Die Bauern sind zahlreich, aber nicht sehr mächtig. Zudem sind sie ebenfalls sehr eingeschränkt, weil sie nur in eine Richtung können. Sie lassen sich auch leicht durch andere Figuren behindern. Nur wenigen von ihnen gelingt der Aufstieg in eine andere Kaste. Bloß König können Sie niemals werden, dafür muss man geboren sein.

Und später ergänzte ich noch eine Beschreibung aus der Sicht eines hypothetischen Spielers:
Mehr…

KategorienFiktion, Religion, Schach Tags:

Das quadratische Universum

7. September 2011 Keine Kommentare

Das Spiel war schon ziemlich fortgeschritten, als sich die ersten Schachfiguren ihrer selbst bewusst wurden. Später konnte sich dann keiner mehr erinnern, welcher Figur als erster der Ausbruch aus ihrer Unmündigkeit gelungen war. Wahrscheinlich einer der Springer, die schon immer für ihre unkonventionelle Denkweise gerühmt wurden. Später beteiligten sich auch König, Dame, Läufer und Türme an der Diskussion, nur die Bauern blieben noch lange in ihrer dumpfen Trägheit gefangen.

Recht bald fanden die Figuren heraus, dass sie sich auf einem 8×8 Felder großen Brett befanden, auch die Regeln ihrer Bewegung erkannten sie durch genaue Beobachtung schnell. Sie stellten Theorien über ihr Woher und Wohin auf. Mit der Zeit konnten sie immer besser die nächsten Züge in ihrer Welt vorhersagen, sie erschienen ihnen immer mehr logisch und immer weniger zufällig. Mit diesem Wissen gelang es ihnen auch, mehr über den Beginn des Spiels lange vor ihrer Bewusstwerdung herauszufinden. Wahrscheinlich hatte ihre Existenz in einem Zustand größter Ordnung begonnen, als sie alle noch eng beieinander und streng ausgerichtet gewesen waren. Wie sie auch herausfanden, waren zum jetzigen Zeitpunkt die ersten Figuren bereits wieder vom Brett verschwunden. Und besonders bei einigen Bauern hatte man beobachtet, dass unmittelbar nach ihrem Verschwinden am Brettrand andere Figuren am selben Ort auftauchten, die nur wenig oder keine Erinnerungen an ihrer vorherige Existenz als Bauern mitbrachten, sie erschienen wie von einem anderen Brett herbeigezaubert.
Mehr…

KategorienFiktion, Religion, Schach Tags: