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Archiv für die Kategorie ‘Ethik’

Terror (Film)

18. Oktober 2016 4 Kommentare

Gestern Abend wurde in der ARD der Film „Terror“ des Regisseurs Lars Krause gezeigt, der wiederum auf dem gleichnamigen Theaterstück von Ferdinand von Schirach beruht. Die Handlung ist schnell zusammengefasst:

Ein Passagierflugzeug wird in Deutschland von Terroristen gekapert und soll über dem Münchner Olympiastadion zum Absturz gebracht werden. Die Passagiermaschine wird von einem Kampfflugzeug abgeschossen und dessen Pilot wegen 164fachem Mord vor Gericht gestellt. Dieser handelte gegen den ausdrücklichen Befehl seiner Vorgesetzten, denn das Bundesverfassungsgericht hat seinerzeit das Gesetz, das einen Abschuss gesetzlich erlauben wollte, vor allem mit dem Verweis auf den Artikel 1 des Grundgesetzes, „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, gekippt. Im Theaterstück bzw. im Film wird die Gerichtsverhandlung gezeigt, am Ende dürfen die Zuschauer als virtuelle Schöffen über das Urteil für den Piloten abstimmen: „Schuldig“ oder „Nicht schuldig des Mordes“.

Damals nach der Theateraufführung und gestern nach dem Film fiel die Entscheidung der Zuschauer eindeutig aus: „Nicht schuldig“. Da der Film gleichzeitig sowohl in Österreich als auch in der Schweiz ausgestrahlt wurde, erfuhr man nach dem Film in der Diskussion bei Plasberg das Votum in allen drei Staaten: 86% sowohl in Deutschland als auch in Österreich und 84% in der Schweiz plädieren für den Freispruch. Nach dem Theaterstück war seinerzeit das Urteil nicht ganz so deutlich – die Zusammensetzung des Theaterpublikums war sicher eine andere als beim Fernsehen und die (gefühlte?) Bedrohung durch den Terrorismus hat vielleicht auch weiter zugenommen.

Sowohl der Autor Ferdinand von Schirach, der zugleich studierter Strafrechtler ist, als auch der Regisseur Lars Krause plädieren für „schuldig“. Die Mehrzahl der Zuschauer hingegen, „aus dem Bauch heraus“ oder moralisch, für „nicht schuldig“. Ich spüre diese Ambivalenz sogar in mir, also ein und derselben Person. Hätte ich als Zuschauer abgestimmt, dann für „nicht schuldig“, als Richter bzw. als Kenner der Rechtslage hätte ich selbstverständlich auf „schuldig“ befunden. Eine der vier Talkgäste von Plasberg, eine Theologin, die mit einem Verfassungsrechtler verheiratet ist, hat das gleich zu Beginn auf den Punkt gebracht: „Hier geht es nicht um eine Entscheidung zwischen ‚richtig‘ oder ‚falsch‘, sondern man mus sich bei zwei ‚falschen‘ Alternativen für die entscheiden, die man für ‚weniger falsch‘ hält.“

Im Film werden einige Klassiker aus ethischen Diskussionen zitiert:

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Caster Semenya

19. August 2016 Keine Kommentare

In einem Fernsehbeitrag von der Olympiade wurde auch über Caster Semenya berichtet. Im Unterschied zum hier verlinkten Wikipediabeitrag, der darüber nichts enthält, wurden im Fernsehen Details über den bei ihr wohl doch vorhandenen Hermaphroditismus gebracht. Semenya hat zwar eine Vagina, jedoch keine Gebärmutter und stattdessen im Körper liegende Hoden. Caster Semenya könnte über 800m aufgrund ihrer Besonderheiten die Goldmedaille gewinnen. Männer und Frauen unterscheiden sich im Mittel deutlich in der körperlichen Leistungsfähigkeit, nicht ohne Grund werden deshalb im Sport die Wettkämpfe nach Männern und Frauen getrennt durchgeführt. (Ob es auch Unterschiede in der geistigen Leistungsfähigkeit gibt, darüber lässt sich trefflich streiten, warum gibt es bei Schachwettkämpfen eine Geschlechtertrennung, wenn dem nicht so ist?)
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Flüchtlinge

8. August 2015 3 Kommentare

Wenn man Texte über das Mittelalter liest, dann begegnet man dort unweigerlich Berichten über Leibeigene, die von Adligen für ihr eigenes gutes Leben ausgebeutet worden sind. Ähnliches lässt sich über die Sklaverei sagen, die ein wesentlicher Teil der Ökonomie der Antike war und eigentlich noch gar nicht so lange als Massenphänomen vorbei ist, wenn man an die Geschichte Amerikas denkt. Der erste Impuls heute ist immer, diese Praktiken als moralisch inakzeptabel zu verurteilen. Aber wie werden die Menschen in ein paar Jahrhunderten über uns urteilen, wenn sie ihrerseits die Berichte über unseren Umgang mit Flüchtlingen lesen werden?

Die folgenden Auszüge entstammen einem Artikel aus „Hohe Luft“ 6/2014, also vom Ende des letzten Jahres. In der Zwischenzeit ist es nicht besser geworden, im Gegenteil, die Flüchtlingszahlen werden immer größer.

Der richtige Umgang mit Immigranten ist für die westliche Welt eine der größten Herausforderungen dieses Jahrhunderts. Doch Einwanderung ist ein heikles politisches Thema. Kein seriöser Politiker fasst es gern an, weil man sich leicht die Finger verbrennt. Lediglich das Spiel mit der Angst bringt noch Wählerstimmen, wie die letzte Wahlkampagne der CSU gegen angebliche Sozialschmarotzer bewies. Doch das Thema ist zu wichtig, um es Populisten zu überlassen. Wir brauchen einen Diskurs über Einwanderung, der sich nicht von alltagspolitischem Kalkül verfälschen lässt und der sich nicht scheut, auch über die tieferliegenden moralischen Aspekte nachzudenken.

Nach diesen einleitenden Sätzen wird ein frappierender Vergleich hergestellt:

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Operation Ewigkeit

6. August 2015 Keine Kommentare

Bei einem Artikel mit diesem Titel in „Hohe Luft“ 1/2015 habe ich mich an zwei verblüffende Gegenargumente in einer Diskussion erinnert, wieso wir uns heute eigentlich um die Probleme zukünftiger Generationen scheren sollen:

  1. Es entspricht gewiss mehr unserem Sinn für Gerechtigkeit, wenn wir fordern, dass der Reichere dem Ärmeren etwas abgibt, als wenn der Ärmere zugunsten des Reicheren auf etwas verzichten soll. Nun ist es aber so, dass es in der Tendenz der menschlichen Entwicklung liegt, dass der Reichtum im Laufe der Zeit ständig zunimmt. Die Menschen in der Zukunft sollten also reicher sein und über mehr Mittel und Möglichkeiten als wir verfügen. Warum sollen wir ihnen zuliebe heute auf etwas verzichten?

  2. Wenn wir heute gewaltigen Raubbau an allen Ressourcen betreiben, dann wird es vielleicht in Zukunft keine Menschen mehr auf der Erde geben. Da man einem Nichtexistenten keinen Schaden oder Leid zufügen kann, muss unser heutiges Verhalten keine Rücksicht auf eventuelles menschliches Leben in der Zukunft auf der Erde nehmen.

Es liegt in der Natur dieser Argumente, dass nur eins von beiden überhaupt zutreffen könnte. Entweder es gibt in der Zukunft noch Menschen, die dann reicher sein können als wir, oder es gibt keine mehr. Aber merkwürdig sind beide, denn sie widersprechen unserer Intuition. Genau dieses Thema wird in dem Artikel in „Hohe Luft“ aufgegriffen:

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Bertrand Russell: Lob des Müßiggangs

19. Juni 2015 Keine Kommentare

Auch bei Bertrand Russell hat mir das Philosophie-Buch eine bislang unbekannte Seite gezeigt. Er war offenbar nicht nur ein brillanter Mathematiker, Logiker und Philosoph, sondern hat sich auch mit ökonomischen Fragen beschäftigt. Den Essay „Lob des Müßiggangs“ hat er laut dem Artikel 1932 geschrieben, in Buchform ist er aber zusammen mit anderen Texten offenbar erst 1957 veröffentlicht worden.

Russell unterscheidet in seinen Ausführungen zwei Arten von Arbeit. Erstens bezweckt Arbeit »die Veränderung der Lage von Materie auf oder nahe der Erdoberfläche im Verhältnis zu anderer Materie«. Das ist der grundlegendste Sinn von Arbeit – der Handarbeit. Der zweite Typus von Arbeit ist, »anderen Menschen zu sagen, sie sollten die Lage von Materie im Verhältnis zu anderer Materie verändern«. Dieser zweite Typus von Arbeit lässt sich unendlich ausdehnen – man kann nicht nur Angestellte haben, die diesen Leuten, die Materie bewegen, Anweisungen geben, man kann weitere Angestellte einstellen, die diese Leute, die Anweisungen geben, kontrollieren und so weiter. Der erste Typus von Arbeit ist häufig unangenehm und schlecht bezahlt, der zweite in der Regel weniger unangenehm und besser bezahlt.

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Noam Chomsky

16. Juni 2015 Keine Kommentare

Bisher kannte ich Noam Chomsky als den „Erfinder“ der Idee einer Universalgrammatik. Sprache bildet bestimmte Aspekte der Realität ab und da die meisten Menschen in einer ähnlichen Umwelt leben, sollte man ähnliche grammatische Strukturen in vielen Sprachen wiederfinden. Nebenbei bemerkt, ist das ja auch eine Voraussetzung dafür, dass man zwischen Sprachen übersetzen kann.

Der Grundgedanke der Universalgrammatik ist, dass Kinder viele Aspekte der Grammatik ihrer Muttersprache nicht erst lernen müssen, weil sie mit ihnen auf die Welt kommen. Über die These, ob neuronale Strukturen zur korrekten Verwendung von Grammatik bereits angeboren sind oder erst erlernt werden müssen, ist viel gestritten worden. Mir erscheint sie plausibel und mit der Evolutionären Erkenntnistheorie gibt es auch eine Erklärung für angeborene Eigenschaften: Der Einzelne hat bereits einige Fähigkeiten bei der Geburt, weil sie seinen Vorfahren einen evolutionären Vorteil geboten haben und diejenigen, die darin zufällig besser waren, größere Überlebenschancen hatten.

Dass aber Chomsky einer der bekanntesten linken Aktivisten und Ethiker ist, habe ich bisher nicht gewusst. In einer ihm gewidmeten Doppelseite im Philosophie-Buch wird vor allem über diese Aspekte berichtet:

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The Philosophers

23. Februar 2015 Keine Kommentare

Entgegen dem Titel ist der Film deutsch synchronisiert. Ich weiß nicht mehr, wie ich auf ihn aufmerksam geworden bin. Im Film wird die letzte Unterrichtsstunde eines Philosophiekurses gezeigt. Wie man ganz am Schluss erfährt, sind es offenbar hochbegabte Jugendliche, die sich mit der Teilnahme am Kurs zusätzliche Punkte für die Aufnahme an einer Universität erwerben. Vieles Weitere bleibt im Dunkeln, z.B. warum der Film in Jakarta spielt und welche Bedeutung verschiedene Kulissen haben: Khmertempel, eine Wüsten- und eine Südseelandschaft als Hintergrund verschiedener Szenen.

Zu Beginn der Stunde werden, gewissermaßen als Aufwärmübung, einige fast schon klassische philosophische Gedankenexperimente durchdekliniert. Das Beispiel mit den Gleisarbeitern (siehe z.B. hier als Trolley-Problem) kannte ich schon, aber das Unwissenheit-Glücks-Paradoxon nicht. Im Film wird es an einem Beispiel erläutert:

Eine junge Frau hängt nur noch mit ihren Händen an einem hohen Turm und droht herunterzufallen. Verzweifelt ruft sie über ihr Handy einige Freunde zu Hilfe. Diese kommen, stellen aber fest, dass sie sich bei der Hilfe selbst in Gefahr bringen würden und abzustürzen drohen. Deshalb weichen sie zurück und lassen die junge Frau allein. Sie fällt, aber (im Film entgegen aller Logik) hat sie auf einmal einen Fallschirm und kann sich retten. Später begegnet sie wieder ihren vormaligen Freunden.

Das Paradoxon, dass ich unter diesem Namen im Netz nicht gefunden habe, besteht nun darin, dass sie, wenn sie die Bekannten nicht um Hilfe gebeten hätte (bezüglich deren Hilfsbereitschaft also unwissend geblieben wäre), noch mit ihnen befreundet, also glücklich geblieben wäre. Nach diesem Intro stellt der Lehrer das eigentliche Gedankenexperiment vor, das den Hauptteil der Stunde füllen soll:

Auf der Erde beginnt gerade eine atomare Katastrophe, für die Schüler steht ein Bunker zur Verfügung, der ihnen für ein Jahr Unterschlupf gewähren kann. Aber er hat nur eine Kapazität für 10 Personen und sie sind 20, mit dem Lehrer 21. Jeder der Schüler muss ein Kärtchen ziehen, auf dem sein Beruf in diesem Szenario vermerkt ist. Es gibt einen Ökobauern, eine Bauingenieurin, einen Elektriker, …, eine Immobilienmaklerin, einen Harfenspieler, einen Dichter. Der Lehrer selbst ist der Joker, sein Beruf bleibt unbekannt.

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Ethisches Unbehagen

27. Februar 2014 Keine Kommentare

Alle Lebewesen konkurrieren um dieselben Ressourcen und diese sind begrenzt. Das macht Ethik so schwierig, weil man praktisch in keinem Fall erreicht, dass niemand zu Schaden kommt. Andererseits muss man handeln und sein Handeln mindestens vor sich selbst begründen, denn auch Nichthandeln ist ja eine Handlung, die Konsequenzen hat. Wenn man die Begrenztheit der Ressourcen und die Notwendigkeit von Entscheidungen akzeptiert, dann gelangt man zwangsläufig zu einer Art des Utilitarismus. Als Beispiel kann man die Entscheidung über die Organvergabe bei Transplantationen nehmen, wenn die Zahl der Spenderorgane kleiner als die Zahl der potenziellen Empfänger ist.

Wir wissen inzwischen, dass wir den anderen Tieren viel ähnlicher sind, als man früher angenommen hat. Das ist eines der Resultate naturwissenschaftlicher Forschung. Wir nehmen inzwischen auch an, dass es andere vernunftbegabte Spezies gibt, und wir vermuten, dass es uns gelingen wird, bewusstseinsbegabte Maschinen zu bauen. Die bloße Zugehörigkeit zu unserer Art „Homo sapiens sapiens“ reicht als Begründung nicht mehr aus, zumal es auch innerhalb unserer eigenen Spezies gewaltige Unterschiede zwischen den Fähigkeiten und Bedürfnissen der Individuen gibt. Der Präferenzutilitarismus leistet genau das, was ich für sinnvoll halte: Es spielt nicht mehr die Artzugehörigkeit eine Rolle und man kann problemlos ethische Entscheidungen auch gegenüber Tieren und bewusstseinsbegabten Maschinen treffen. Die emotionalen und intellektuellen Bedürfnisse der Wesen und ihre aktuellen und künftigen Präferenzen spielen die entscheidende Rolle.
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Tatort Gehirn

20. Februar 2014 Keine Kommentare

Bezüglich der Diskussion um den freien Willen habe ich meinen Standpunkt seit mehreren Jahren nicht mehr geändert. Ich stimme in dieser Hinsicht überein mit den Ansichten, wie sie z.B. Geert Keil und Michael Pauen vertreten. Überwiegend im deutschsprachigen Raum gibt es eine Reihe von Neurowissenschaftlern (u.a. Gerhard Roth und Wolf Singer), die aus ihren Erkenntnissen bei der Untersuchung der Arbeitsweise des menschlichen Gehirns schlussfolgern, dass Menschen über so etwas wie einen freien Willen eigentlich gar nicht verfügen (können). Jedem Beobachter ist klar, dass das einschneidende Konsequenzen für unser Rechtssystem haben würde.

In der Geo 10/2013 gibt es in dem Artikel „Tatort Gehirn“ einen Bericht über einen fiktiven Gerichtsprozess, der genau diese Konsequenzen illustriert. Der Verteidiger eines Mörders argumentiert so:

„Sehen Sie – in diesem Moment wird mein Mandant extremen Provokationen ausgesetzt“, sagt der Verteidiger. „Die Hirnregionen, mit denen normale Menschen Affekte kontrollieren, sind bei ihm aber kaum aktiv.“ Genau wie in der Tatnacht könne das Gehirn des Täters auch jetzt kaum seine Impulse unterdrücken. Ein dreidimensionaler DNS-Strang taucht auf dem Hologramm im Gerichtssaal auf; der Verteidiger kreist eine Region mit dem Stift ein: „Und hier sitzt die verantwortliche Genmutation: eine Art Behinderung, für die mein Mandant nichts kann. Er muss für schuldunfähig erklärt werden.“

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Japaner entging Leben im Überfluss

2. Dezember 2013 Keine Kommentare

Einen schönen Beleg dafür, dass die Artikel in deutschen Sätzen nicht überflüssig sind, liefert der Satz „Japaner entging Leben im Überfluss“. Ich hatte diesen Satz als „Der Japaner entging einem Leben im Überfluss“ gelesen, in diesem Artikel war aber eigentlich die Nachricht „Dem Japaner entging ein Leben im Überfluss“ gemeint.

In Japan sorgt das Schicksal eines Mannes für Aufsehen, der kurz nach seiner Geburt vor 60 Jahren vertauscht wurde und dadurch statt in einer wohlhabenden Familie bei einer armen Witwe aufwuchs. „Ich hätte ein anderes Leben haben können“, sagte der Mann, dessen Identität nicht bekanntgegeben wurde, am Mittwochabend (Ortszeit) in Tokio vor zahlreichen Medienvertretern.
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KategorienAlltag, Ethik, Sprache Tags: