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Börsenpanik

Die Entwicklung an den Börsen und der Goldkurs treiben mich dazu, jetzt auch noch meinen Senf zu diesem Thema abzugeben. Ich habe mir ja schon öfters Mühe gegeben zu verstehen, wie das mit Aktien funktioniert. Ich bin sehr froh, dass ich nicht Börsianer bin, denn das, was ich so höre und lese, führt mich zu der Vermutung, dass sich hier eine neue Religion etabliert hat. Statt dem Wort zum Sonntag (damit wurde oder wird man wenigstens nur einmal in der Woche belästigt) gibt es jeden Tag vor der Hauptnachrichtensendung eine Direktschaltung zur Börse.



Während früher der Oberschamane vor dem Zorn Gottes gewarnt hat, sind es jetzt „die Märkte“, die uns alle in Angst und Schrecken versetzen sollen. Die Angst vor dem Tod ist der Angst vor dem Vermögensverlust gewichen. Denkt man genauer darüber nach, dann liegt beiden Ängsten dieselbe Ursache zugrunde: Nicht genug (er)leben zu können. Bei der Angst vor dem Tod ist das unmittelbar einsichtig, bei der Angst vor dem Vermögensverlust muss die Todesfurcht noch mit dem Wahn gekoppelt sein, gutes (Er)Leben könne man kaufen. Aber schaut man sich dann im Freundes- und Bekanntenkreis um, dann sind dort diejenigen am glücklichsten, die ihre Zeit nicht mit dem Ansparen oder Erwerben oder Benutzen von Dingen verbringen, sondern mit dem Lesen von Büchern, Spaziergängen, Gesprächen mit Freunden und dem Spielen mit ihren Kindern.

Ich hatte eingangs geschrieben, dass ich sehr froh bin, kein Börsianer zu sein und auf „die Märkte“ hören zu müssen oder darauf, ob in einem Papier „Phantasie“ ist. Aber das verbietet mir ja trotzdem nicht, mit den Mitteln des gesunden Menschenverstandes zu versuchen, einige Zusammenhänge zu verstehen. Weiter oben wird eine Grafik angezeigt, in die zwei Kurven eingeblendet sind. Die schwächer ansteigende zeigt ein mögliches Wachstum des DAXes von jährlich 6%, die zweite von 8% an. Beide Kurven starten von einer Periode, in der der DAX relativ stabil war.

In der letzten Zeit habe ich gelernt, dass es keinen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Geld und Waren gibt. Trotzdem muss es zumindestens im statistischen Mittel einen Zusammenhang zwischen beiden Dingen geben, denn wer sein Geld in Aktien investiert, macht das ja mit dem Gedanken, mit dem so erzinsten Geld später Waren kaufen zu können. Wenn die Geldmenge anwächst, muss dem also ein entsprechender Zuwachs auch in der Warenwelt entsprechen.

Drei Vorgänge fallen mir ein, die ein Ansteigen der Geldmenge durch Verzinsung rechtfertigen können:

  • Inflation: Im Gegensatz zu Waren verdirbt Geld nicht. Wenn man eine Ware lange liegenlässt, nimmt ihre Qualität ab. Ein Geldschein altert nicht so schnell. Der einfachste Weg das auszugleichen, ist, eine Ware exakt derselben Quantität und Qualität im nächsten Jahr geringfügig teurer zu verkaufen.
  • Steigende Quantität: Die Menge des Produzierten (erkennbar an der Menge der verbrauchten Rohstoffe) steigt mit der Zeit.
  • Steigende Qualität bzw. Effizienz bei der Produktion: Im Laufe der Zeit sinkt der Aufwand zur Produktion eines Produktes, entweder erkennbar am sinkenden Material- oder Zeitaufwand.

Wenn ich diese drei Effekte einzeln jeweils mit 2% Wachstum je Jahr veranschlage, dann ist ein Anwachsen des Aktienwertes (oder einer anderen Geldanlage) im Mittel um 6% pro Jahr gerechtfertigt, weil diesen 6% eine gestiegene quantitativ/qualitative Warenmenge von 4% gegenübersteht und es noch ein bisschen Inflation gibt.

Meine dreimal 2% sind eine ad hoc Schätzung. Der wahre Wert könnte sowohl darüber als auch darunter liegen. Längerfristige Schätzungen des Wachstums der Aktienkurse haben wohl Wachstumsraten um die 8% ergeben. Diese beiden Schätzungen (6%, 8%) markieren die beiden Kurven im obenstehenden Diagramm.

Wenn man einen Zusammenhang zwischen der Menge des den Leuten zu Verfügung stehenden Geldes und den Waren annimmt, dann kann man gar nicht mehr Zuwachs als diese 6-8% haben. Alles mehr ist virtuell, weil ihm keine echten Werte entsprechen, also Waren oder Dienstleistungen.

Während die Börsianer also weiterhin von Börsenpanik, psychologisch wichtigen Unterstützungslinien u.ä. faseln, was in seiner Methodik etwa dem Lesen im Kaffeesatz, dem Gießen von Zinnfiguren und dem Befragen eines Orakels entspricht, bin ich der Meinung, dass ein DAX-Wert oberhalb von 4700 bei den langfristig tatsächlich gemessenen 8% bzw. oberhalb von 3200 bei meinen ad hoc angenommen 6% nicht gerechtfertigt ist. Er muss einfach auf diese Größenordnung geerdet werden – spätestens dann, wenn die Aktienbesitzer mit dem erzinsten Geld etwas Reales kaufen wollen.

Langfristig werden diese Margen sowieso weiter sinken müssen, denn ein quantitatives Wachstum von jährlich 2% ist auf unserer Erde nicht auf alle Zeiten möglich. Damit fällt ein realistischer Zins in meinem Modell auf 4%.

Eine ähnliche Betrachtung kann man auch zum Gold anstellen. Als was soll man Gold eigentlich ansehen? Als ein Geldäquivalent oder als eine Ware wie jede andere? Wenn wir Gold als Geldäquivalent ansehen, dann muss der Wert einer Unze so steigen wie die Geldmenge, vermindert um den Anstieg der Gesamtmenge an Gold auf der Welt. Die Weltjahresproduktion liegt bei etwa 2000 Tonnen, etwa 150.000 Tonnen gibt es. D.h. bei 6% bzw. 8% Steigerung der Aktienkurse also rund 5% bzw. 7%. Betrachten wir Gold als eine normale Ware, dann sollten sich im Goldpreis in etwa die Förderkosten widerspiegeln. Hier stehen sicherlich der immer schwierigeren Förderung andererseits immer ausgefeiltere Techniken gegenüber. Hier gibt es also außer der Inflation überhaupt keinen Grund, warum der Goldpreis steigen sollte.

Die Grafik spiegelt die in den 80er und 90er Jahren überwiegende Anschauung von Gold als einer normale Ware wieder, der Goldpreis bewegte sich damals praktisch nicht. Danach fiel der Kurs sogar – und wohin das Geld floss, kann man an der ersten Grafik mit den Aktienkursen sehen. Seitdem geht es mit dem Goldkurs in einem Maße bergauf, der mit keiner der beiden Annahmen (Gold als normale Ware, Gold als Geldäquivalent) zu rechtfertigen ist.

Mein bitteres Fazit: Es war seinerzeit eine sehr kühne Entscheidung, unserer Spezies den Artnamen „sapiens“ zu geben. Von „mit Vernunft begabt“ ist doch sehr wenig zu erkennen. Die immer größeren Ausschläge dieser Indikatoren in der virtuellen Geldwelt sind Indizien dafür, dass unsere Art zu wirtschaften nicht zukunftssicher ist.

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  1. 20. August 2011, 16:20 | #1

    Das Problem liegt darin, dass der Aktienmarkt (es gibt eben keine „Märkte“; die Medien sind nur zu dumm, das einzusehen) vom Wert der Unternehmen längst abgekoppelt ist. Das ist in Grenzen mit allen Gütern so. Denn – Du sagst das selber – der Goldpreis hat nichts mit den Förderkosten zu tun. So hat auch der Preis einer Ware wenig mit dessen Produktionskosten zu tun. Es sollte nur so sein, dass der Preis höher ist als die Produktionskosten, sonst geht ein Unternehmen irgendwann pleite. Ansonsten sind nach oben keine Grenzen gesetzt. Ob man will oder nicht: Den Preis regelt der Markt. Alle Versuche, in diesen Mechanismus einzugreifen (bspw. durch Subventionen) sind auf Dauer zum Scheitern verurteilt.

    Die Hausse auf Gold spiegelt die Irrationalität noch mehr wieder als der Aktienmarkt. Gold ist per se zu nichts nutze. Sein Wert beruht auf die Verwahrung. Wenn irgendwann ein Staat auch nur einen Teil seiner Goldreserven verkauft, reisst er nicht nur alle anderen in den Ruin, sondern auch sich selber. Im Prinzip ist Gold wie eine Atombombe: Wer es zuerst einsetzt, wird als zweites ruiniert werden.

    Es ist dennoch nützlich, weil es eine Art übergeordnete Währung darstellt. Aber nur so lange es streng reglementiert ist. Immer dann steigt sein Wert. Wenn man die Krisenhaftigkeit einer Ökonomie aufzeigen will, hilft ein Blick auf den Goldpreis. Ich habe irgendwo gelesen, rd. 99% aller Abbauminen sind in staatlichen Händen. Hier wird höchst langsam abgebaut, um den Markt nicht unnötig mit Menge zu überschwemmen. Ich will jetzt nicht mein Beispiel mit den holländischen Tulpenzwiebeln auftischen; diese Diskussion hatten wir ja schon mal. Aber es zeigt sich m. E. überdeutlich: Gold ist ein Surrogat und in dieser Funktion praktisch unersetzlich. Gleichzeitig kann es nicht einmal als Ultima Ratio Volkswirtschaften retten. Der Boom auf Gold ist beim Mittelstand besonders ausgeprägt. Diese Leute „vergolden“ ihre (nicht aktuell benötigten) Geldreserven in der Hoffnung, dass sie bei einer Währungsreform mittelfristig das Gold wieder adäquat einlösen können.

  2. 20. August 2011, 23:17 | #2

    Gregor Keuschnig :
    So hat auch der Preis einer Ware wenig mit dessen Produktionskosten zu tun. Es sollte nur so sein, dass der Preis höher ist als die Produktionskosten, sonst geht ein Unternehmen irgendwann pleite. Ansonsten sind nach oben keine Grenzen gesetzt. Ob man will oder nicht: Den Preis regelt der Markt. Alle Versuche, in diesen Mechanismus einzugreifen (bspw. durch Subventionen) sind auf Dauer zum Scheitern verurteilt.

    Marx sagt hierzu: Wenn der erzielbare Preis einer Ware höher als die Produktionskosten ist, dann steigen andere Unternehmen in die Produktion ein, um hier ebenfalls Gewinne zu machen. Damit steigt das Angebot und der Preis fällt. Im umgekehrten Fall, d.h. bei Produktionskosten, die höher als die Preise sind, steigen Unternehmen aus der Produktion dieser Produkte aus. Das Angebot sinkt, deshalb steigt der Preis. Aus diesem Grund sollte bei einem funktionierenden Wettbewerb der Preis immer um die Produktionskosten plus eine angemessene Verzinsung des Kapitals schwanken.

    „Angemessene Verzinsung“ ist auch relativ einfach erklärbar, denn das Kapital ist frei beweglich. Wenn es aber dorthin strömt, wo man gerade die besten Gewinne machen kann, steigt dort das Angebot, worauf die Preise und damit die Gewinne fallen. Es stellt sich also eine durchschnittliche Verzinsung ein, die nicht ökonomisch, sondern politisch definiert wird: Wieviel Umverteilung von Arbeit auf Kapital ist politisch gerade opportun?

  3. 21. August 2011, 10:16 | #3

    Naja, dieses Preis-Angebot-Modell ist theoretisch richtig. Es ist allerdings heutzutage nicht einfach möglich, in eine Produktion „einzusteigen“; es geht nicht mehr um Konsumgüter (hier gilt dieses Modell noch, weil die Produktionskosten einen signifikanten Teil des Preises ausmachen). Selber hier versucht man über den Nimbus einer Marke oder des Produkts selber diesem einen bestimmten Nimbus mitzugeben; die „Qualität“ eines Produktes ist häufig nicht der alleinige Faktor, warum Kunden es kaufen.

    Wenn der Zins ein Regulativ für die Produktion von Gütern ist, müsste es im Moment einen riesigen Aufschwung in den USA geben: Die Zinsen sind praktisch nicht existent; Unternehmen können sich Kredite für billiges Geld besorgen. Wenn jedoch der Markt an sich gestört ist, nutzt dies nichts. Das Argument, die Banken konzentrieren ihre Aktivitäten lieber auf den Investmentbereich, mag für den Moment stimmen. Wie man jedoch sieht, ist dies sehr risikobelastet.

  4. 21. August 2011, 10:43 | #4

    @Gregor Keuschnig
    Klar. Je mehr Details man sich ansieht, umso mehr Ausnahmen wird man finden und um so schwerer wird es fallen, die grundlegenden Gesetzmäßigkeiten zu erkennen. Außer den beiden von dir genannten, also Markenimage (Psychologie) und Politik (USA) fallen mir spontan noch Kriege, Naturkatastrophen, Modeströmungen und kulturelle Unterschiede zwischen Bevölkerungsgruppen und Ländern ein.

    Nur wenn die Chinesen heute 10% Wachstum haben anstelle der von mir geschätzten 2-4%, dann mittelt sich das heraus, wenn man die schlechteren Aussichten in anderen Weltgegenden einbezieht und die zukünftig niedrigeren auch in China (fehlender Umweltschutz und miese Demografie -> das sind die bereits heute verfrühstückten Zinsen der Zukunft). In dieser Zeit (der Zukunft) werden dann die Amerikaner wieder besser dastehen.

  5. 21. August 2011, 15:13 | #5

    @Köppnick
    Die Chinesen haben natürlich andere Ausgangsbedingungen – ihr Wachstum kann derart explodieren, weil sie natürlich einen großen „Nachholbedarf“ haben. China sehe ich aus drei Gründen gefährdet: 1. Der von Dir bereits angesprochene demografische Faktor („Ein-Kind-Politik“). 2. Das ungesteuerte Wachstum, was zu großen sozialen Verwerfungen führt (allerdings ist das immer bei derart rasanten Wirtschaftsentwicklungen zu beobachten; etwa im Europa Ende des 19. Jahrhunderts). 3. Die langfristig unhaltbare politische Diktatur.

    Bereits jetzt ächzt die Mittelschicht unter stetig steigenden Preisen, die in den Löhnen nicht mehr kompensiert werden können. Andererseits ist Asien (China, Indien, Korea, Vietnam) immer noch Wachstumsmarkt (die Ausnahme ist natürlich Japan). Für eine Exportnation wie Deutschland ist das unverzichtbar.

  6. 24. August 2011, 19:28 | #6

    Ich denke, es wäre wichtig zu verstehen, dass das Geld bei Börsenstürzen nicht einfach weg ist. Zumindest teilweise geht es einfach in die Hände der „Bären“ über, die auf fallende Kurse wetten. Leerverkäufe, virtuell verkaufen zu höheren Preisen als man später real einkauft, führen dazu, dass ein Teil der Börsenverluste sich eben nicht in Luft auflöst. Insofern dürfte die Kapitalrendite am Aktienmarkt insgesamt doch über den 6% oder 8% liegen. Nach dem Motto: Das Geld ist nicht weg, nur in anderen Händen. Und insofern bleibt immer noch viel „Fantasie“ im Markt.

  7. 24. August 2011, 20:38 | #7

    @tom-ate
    Meine Rechnung geht noch ganz anders. Angenommen, an einem Tag werden zwei Prozent aller Aktien eines Unternehmens gehandelt, und das zu Preisen, die 30% unter denen vom Vortag liegen, und angenommen, das Unternehmen hätte am Vortag einen Aktienwert von einer Million Euro gehabt. Die Börsenberichterstatter nehmen dann diese eine Million, multiplizieren sie mit 0,3 und behaupten, es wäre ein Wert von 300.000 Euro „vernichtet“ worden. Tatsächlich sind aber nur für die 2% Verkäufer 6.000 Euro verschwunden – und das auch nur in Bezug auf den genauso rein rechnerisch ermittelten Wert ihrer Anteile von 20.000 Euro am Vortag.

    Das sind alles fiktive Größen, weil Geld eine Ware wie jede andere ist, die einen über Angebot und Nachfrage ausgehandelten Tauschkurs zu anderen Waren hat (zu denen auch Aktien gehören).

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