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Bobby Fischer ist tot.

„Fischer ist das größte Genie, das je vom Schachhimmel herabgestiegen ist“, sagte einst Michail Tal, sowjetischer Weltmeister von 1960.


Robert Fischer 1972, Quelle: ARD

Artikel: Die Welt, ARD, Spiegel, Chessbase

Als ich mit Schach begonnen habe, war er schon wieder von der großen Bühne verschwunden, gegen Karpov war er nicht zum Weltmeisterschaftskampf angetreten. Fischer hatte gefordert, einen Wettkampf mit 6 Gewinnpartien zu spielen, bei unbegrenzter Anzahl von Remisen. Das hatte die Fide abgelehnt. Im Wettkampf Karpov – Kasparov wurde dann genau dieser Modus eingeführt. So bleibt Karpov der Makel, seinen WM-Titel am grünen Tisch gewonnen zu haben – und später gegen Kasparov am grünen Tisch verteidigt.

Ein weiterer Nachruf bei Chessbase: Er wollte doch nur spielen.

Kommentare

Gregor Keuschnig 01/19/2008 11:32:27 AM

Durch Fischer und die Berichterstattung damals habe ich mir in den 70er Jahren Schach selber beigebracht (ich bin leider nur ein liebender Dilettant geblieben). Seine Exzentrizität hat man nur akzeptiert, so lange er den „nützlichen Idioten“ spielen konnte und bis es einigen in den Kram passte. Er ist wohl später arg verbittert und ein wenig wirr gewesen. (Sein IQ soll >180 gewesen sein.)

Köppnick 01/19/2008 00:54:35 PM

In der DDR wurde in jedem Artikel über Fischer geschrieben, dass er in der Schule anstelle der Schulbücher immer heimlich ein Schachbuch auf Russisch gelesen hat. Ansonsten ist es schon bemerkenswert, dass er als Einzelner in die Phalanx der sowjetischen Großmeister einbrechen konnte. Seinen Vorwurf, dass die Sowjets Spielergebnisse untereinander abgesprochen haben, glaube ich unbesehen. Das haben inzwischen wohl auch ein oder zwei damalige Spieler zugegeben, und es ist auch heute noch gängige Praxis.

Die Amerikaner betreiben einen echten Kult um den IQ, dort genießen Menschen, bei denen in solchen Tests sehr hohe Werte „gemessen“ wurden, einen Gott-ähnlichen Status. Wissenschaftlich seriös ist wohl bei 150/160 Schluss, über den Daumen gepeilt erreicht einer von 10.000 Menschen einen solchen Wert. Im Endeffekt sagen solche hohen Werte nur aus, dass die Betreffenden sehr gut versteckte Zusammenhänge und Muster erkennen können. Entscheidend ist doch aber, ob jemand seine Begabungen in Leistungen umsetzen kann und ob er glücklich mit seinem Leben ist.

Ersteres hat Fischer im ersten Abschnitt seines Lebens sicherlich getan, aber ob er am Ende glücklich mit dem von ihm Erreichten war und seinen Frieden gefunden hat – ich weiß es nicht und bezweifle es.

Chinaski 01/19/2008 04:18:14 PM

Nun Michail Tal hatte noch nicht das Glück Gary Kasparov schach spielen zu sehen.

Fischer war schon ein guter aber den Stil seines Rivalen Spassky fand ich immer interessanter und erfrischender.

Köppnick 01/19/2008 06:15:25 PM

Mir persönlich fällt es sehr schwer, die Züge von Großmeistern zu bewerten, im Allgemeinen lasse ich ein Computerprogramm laufen und sehe mir dessen Bewertung an. Die Züge Tals werden da häufig widerlegt. Aber im praktischen Spiel schieben mich schon Fidemeister sang- und klanglos zusammen, und die sind nun wirklich Stümper im Vergleich zu den Topgroßmeistern.

steppenhund 01/23/2008 10:01:20 PM

Es ist sehr schwierig heute überhaupt Bewertungen über den Spielstil früherer Spieler abzugeben.
Tal selbst war ein begnadeter Kombinationsspieler, der sich aber dem Systematiker Botwinnik geschlagen geben musste.
Die Bewunderung war sicher ehrlich gemeint, aber sie ist auch dadurch begründet, was Tal selbst konnte und was für ihn selbst schwer fiel. So war Fischer für ihn vermutlich „abgerundeter“, obwohl er auch sehr gute Kombinationen sah.
So betrachtet ist für aber zB Aljechin genauso groß. Die bekannten Kombinationen von ihm sind so schön – und das in jeder Spielphase.
Als Kind habe ich selbst immer Botwinnik bewundert. Heute wundere ich mich darüber.
Fantastisch sind aber heutzutage die unterschiedlichsten Spieler. Durch den Sparringpartner Computer sind die Schachspieler gezwungen, sich auf aberwitzige Stellungen einzulassen, welche noch nicht in die Theorie aufgenommen sind.
Dadurch sieht man heute in Turnierpartien Abläufe, wie sie früher höchstens bei einer Kaffeehaus-Blitzpartie vorgefunden worden.
Das Zuschauen macht also heute generell einen Riesenspass.
Dass der IQ von Schachspielern hoch sein kann, mag sein. Dass ein sehr guter Schachspieler einen hohen IQ haben muss, stimmt sicher nicht. Dazu ist die Begabung zu einseitig und eigentlich eher eine Fertigkeit.

Köppnick 01/23/2008 11:03:00 PM

Die weltbesten Spieler haben sicherlich alle weit überdurchschnittliche IQs, wobei die Frage ist, welchen Maßstab man hier anlegt. Siehe z.B. hier. Letztendlich sagen die IQ-Werte etwas über die Lernfähigkeit aus, und diese müssen sie besessen haben, um es auf ihrem Spezialgebiet so weit zu bringen.

Über den Einsatz der Computer im Schach ist schon viel geschrieben wurden. Ein Aspekt, der häufig nicht erwähnt wird: Da Computer auch Stellungen erfolgreich verteidigen, die früher als verloren galten, hat sich die Technik der besten Spieler auch in solchen Stellungen verbessert, in denen früher vielleicht schon aufgegeben wurde. Der Rest ist ja offensichtlich: Das Abklopfen von Eröffnungen auf Neuerungen und taktische Löcher, das Analysieren des Repertoires der Gegner, u.ä.

Die Spielstärke der heutigen Top-Leute ist höher als früher, auch wegen der größeren Spieleranzahl und der verbesserten Trainingsmöglichkeiten. Aber natürlich täuscht ein einfaches Zurückrechnen der Elo-Zahlen in die Vergangenheit, weil die damaligen Spitzenspieler mit den heutigen Möglichkeiten heute auch besser als damals spielen würden. Eine interessante Gegenüberstellung findest du z.B. hier.

steppenhund 01/24/2008 00:41:06 AM

Die Links haben mir sehr gut gefallen.
Beim ersten Eintrag kann ich allerdings nur den Kopf schütteln.
Zuerst gab es keine Korrelation Dann gab es eine „kleine, nicht so bedeutsame“, die aber immerhin so quantifiziert ist, dass IQ von 90 auch ELO 2000 erreichen kann, und bei ELO 2200 ein IQ von 107/110 gemessen wurde. Das würde einer IQ-Vermehrung um 1 bei einer ELO-Vermehrung um 10 entsprechen. Ein 2400 hätte dann statistisch einen IQ von 130, ein Weltmeister einen IQ von 270. (Allerdings ist das durch die Untersuchung weder gesichert noch wird es behauptet.) Nur die erste Interpretation stört mich schon etwas.
Mit IQ-Zahlen kann man mir nicht imponieren. Das 2%-Perzentil liegt je nach europäischem Land bei ungefähr 131-135. Alles darunter zählt noch als „normal“.
Interessant wird es dann beim 1%-Perzentil. Da lese ich jetzt eine Grenze von IQ 135. Ich weiß, dass diese Grenze 1971 noch ca. bei 150 lag. Es gibt auch unzählige Auswertemethoden.
Die ELO-Zahlen steigen. Die Funktion der Berechnung ist so, dass mit zunehmender Anzahl der insgesamt in der ELO-Wertung erfassten Spiele der Gesamtdurchschnitt nach oben geht. (Das hat mir einmal ein IM erklärt.)
1970 hatte der Weltmeister ca. 2400 und ein paar zerquetschte. Mit meinen damaligen 2088 konnte ich in der Liga spielen und hätte bei Meisterkandidatenturnieren mitspielen können. Heute könnte ich mich damit lediglich brausen.
Die errechneten Vergleichszahlen aus dem zweiten Link sind hochinteressant. Auch die Partie mit Adorf Andersen, der ja an sich sehr viel gewonnen hat, ist lustig. Aber gerade an der Partie merkt man, dass das Niveau des Schachspielsüberdeutlich dazu gewonnen hat.

Köppnick 01/24/2008 06:59:48 AM

Ich interpretiere die Zusammenhänge zwischen IQ und Elo anders. Ich habe bei Kindern die Erfahrung gemacht, dass die erreichte Spielstärke etwa eine Spielklasse (rund 200 Elo) pro Jahr ansteigt, etwa ab 16 abflacht und spätestens mit 20 nicht mehr steigt. Außerdem spielt das Vorhandensein von Trainern mit einer ordentlichen eigenen Spielstärke eine große Rolle. Derzeit gibt es zum Beispiel in meinem Verein keinen Trainer mehr mit einer Elo größer 1900. Da kommen keine Meisterspieler heraus, aber die Kinder haben Spaß.

Es sind also mindestens drei Faktoren, die eine Rolle spielen: Das Eintrittsalter, das Talent und die Trainingsbedingungen. Bis zu Spielstärken von etwa 2000-2100 müssen nicht alle drei Bedingungen gleichzeitig erfüllt sein, je weiter man nach oben kommt, umso mehr muss _alles_ gestimmt haben. Der IQ (=die Auffassungsgabe) ist nur eine Komponente des Talents, deshalb ist die Korrelation nur schwach. Bei schlechteren Spielern < 2200 muss die Korrelation schwächer als bei guten sein. Absolute Spitzenspieler sind noch nie systematisch auf ihren IQ untersucht worden, sie werden es bei ihrer ausgeprägten Individualität (und Rivalität und wahrscheinlich Einseitigkeit) auch nicht zulassen.

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