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Blödkäppchen und der Wolf

Es war einmal vor langer Zeit an einem schönen, sonnigen Tag, als der Jäger mit seiner Frau in den Wald fuhr. Ihren Wagen ließen sie hinter der Kurve auf dem Weg stehen, dann gingen die beiden zu Fuß weiter, um Beeren zu sammeln. Kurze Zeit später kam Blödkäppchen mit ihrer Freundin angebraust. Blödkäppchen war recht zügig unterwegs, vielleicht wollte sie ihrer Großmutter frisches Obst bringen, vielleicht aber war sie auch einfach zu einer Party unterwegs. Weil sie eigentlich zu schnell fuhr und es erst spät sah, wäre sie fast in das Auto des Jägers hineingekracht. Sie bremste und wartete ein Weilchen auf den Jäger, dann wurde sie ungeduldig – „Wieso muss ich denn hier stehen?“ – und setzte zum Vorbeifahren an. Weil sie sich nicht besonders geschickt anstellte, rammte sie das auf dem Weg stehende Auto. Benommen stiegen Blödkäppchen und ihre Freundin aus. Durch den Lärm alarmiert, eilten auch der Jäger und seine Frau herbei.

Blödkäppchen entschuldigte sich wortreich beim Jäger und seiner Frau. Der Jäger tröstete sie: „Fräulein Blödkäppchen, das ist doch nicht so schlimm, als Fahranfänger hatte ich vor vielen Jahren auch mal einen Unfall. Doch hier und heute ist niemand zu Schaden gekommen. Wir lassen die beiden Wagen reparieren und alles wird wieder gut.“ Blödkäppchen war sehr erleichtert, sie setzte sich wieder ans Steuer, fuhr etwas zurück, lenkte jetzt etwas geschickter und düste davon. Hinter ihr blieb nur eine große Staubwolke über dem Weg stehen. Der Jäger und seine Frau blickten den beiden Mädchen nach, die Frau des Jägers zweifelte: „Besonders viel scheint Blödkäppchen ja nicht aus ihrem Fehler gelernt zu haben.“

Zu Hause musste Blödkäppchen Vater Rumpelstiltz ihren Unfall beichten. Der war nicht begeistert davon, den Schaden an den beiden Fahrzeugen bezahlen zu müssen. Als dann die Rechnung von Herrn Heinzelmann, der im Märchenwald die Autowerkstatt betrieb, bei ihm eintrudelte, war er außer sich. „Sooo viel Geld soll ich bezahlen!?“ Wütend eilte er zu einer guten Freundin, Frau Rechtsanwältin Diebische Elster. Diese war im ganzen Wald durch folgenden Spruch bekannt, den sie einem berühmten Dichter gestohlen hatte: „Das Unmögliche versuchen, um das Mögliche zu erreichen.“ Jeder, der Frau Elster kannte, verstand diesen Spruch: „Lass uns erstmal kräftig lügen und sehen, wie weit wir damit kommen.“ Gemeinsam beschlossen Herr Rumpelstiltz und Frau Elster, den Jäger und seine Frau zu verklagen.

Frau Elster hatte auch schon eine Idee: „Wir sollten Richter Wolf mit dem Argument kommen, dass der Unfall ja nur möglich war, weil der Jäger mit seinem Wagen dort gestanden hat. Der Jäger ist schuld! Hätte sein Auto nicht auf dem Weg gestanden, wäre der Unfall nicht passiert. Wir Juristen nennen das ‚Betriebsgefahr‘.“ Dieses Argument leuchtete Herrn Rumpelstiltz natürlich sofort ein, nicht weil es besonders logisch war, sondern weil es ihm Geld bringen würde. „Der verkauft anderen Leuten wertloses Stroh als Gold“, wusste man im Märchenwald über ihn.

Gemeinsam versuchten die drei – Rumpelstiltz, Blödkäppchen und Frau Elster – Blödkäppchens Freundin zu einer Aussage zu überreden. Doch diese lehnte entrüstet ab: „Ihr spinnt wohl, wegen euch werde ich doch nicht vor Gericht lügen, was habe ich denn davon!?“ Auch der Jäger und seine Frau waren erstaunt, als sie von der Klage erfuhren. Konnte es wirklich sein, dass man mit einer solchen Dreistigkeit bei Richter Wolf Erfolg haben würde? Trotzdem mussten sie sich jetzt nach Hilfe umsehen. Rechtsanwalt Schlauer Fuchs erklärte sich bereit, ihre Vertretung zu übernehmen.

Ähnlich wie zuvor Frau Elster griff er tief in die juristische Trickkiste und stellte die Frage, wie denn Herr Rumpelstiltz überhaupt beweisen wolle, dass er der Besitzer des Fahrzeugs sei. Blödkäppchens Auto war nämlich gebraucht gekauft und im Märchenwald wurden Verträge normalerweise per Handschlag und mit der Übergabe eines Säckchens voller Taler in der zuvor ausgehandelten Höhe besiegelt. Vor Gericht reichte das aber nicht, denn klagen durfte immer nur der Besitzer, nicht der Halter und schon gar nicht die Fahrerin, Fräulein Blödkäppchen, selbst. War es also wirklich Rumpelstiltz‘ Auto oder tat der nur so?

Der finanzielle Aufwand des Prozesses war hoch: Unabhängig vom Prozessausgang bekamen die Anwälte ihr Salär, jeder etwa 1700 Taler, und auch das Gericht wollte bezahlt werden. Rumpelstiltz‘ Prozess kostete deshalb um die 5000 Taler, die – natürlich! – die anderen bezahlen sollten, schließlich war das sein gutes Recht. Rechtsanwältin Elster, die davon kräftig profitierte, bestärkte ihn in seiner Haltung. Dagegen hatte die Reparatur von Rumpelstiltz‘ Auto ursprünglich nur etwa 2000 Taler gekostet, die er locker hatte bezahlen können, denn seine Spezialität war es – wir erinnern uns – den anderen Märchenwaldbewohnern wertloses Stroh als Gold anzudrehen. Herrn Rumpelstiltz war das piepegal, an andere zu denken, war sein Ding nicht.

Die Verhandlung fand in der Nähe des Hauses statt, in dem der Jäger wohnte. Gleich neben dem Brunnen stand dort eine Linde, dort trafen sich alle Beteiligten. In der Verhandlung beschwerte sich als erstes Frau Elster bei Richter Wolf über den juristischen Trick mit dem fehlenden Kaufvertrag, es ginge wohl gar nicht mehr darum, wer denn nun schuld sei an dem Unfall? Dass sie selbst mit der ‚Betriebsgefahr‘ ähnlich abstrus argumentieren wollte, verdrängte sie dabei völlig, aber Rechtsanwälte sind einfach so, das liegt in ihrer Natur, sie versuchen das Unmögliche, um das Mögliche zu erreichen. Vom Wolf nach dem Unfallhergang befragt, schwatzte Blödkäppchen munter drauflos: „Jaaa, da stand da nun dieses Auto, vielleicht fuhr es ja auch rückwärts oder wollte vorwärts fahrend gerade abbiegen, wofür ja auch das Blinken sprach, wobei ich aber nicht genau sagen kann, ob es überhaupt blinkte und wenn ja, seit wann. Wie schnell ich gefahren bin? Keine Ahnung, vielleicht in Schrittgeschwindigkeit, vielleicht auch schneller, vielleicht stand ich auch, so genau weiß ich das gar nicht mehr. …“

Rumpelstiltz sah seiner Tochter bei ihrer Erzählung liebevoll zu, ab und zu nickte er. Innerlich schien er sich auf die Schulter klopfen zu wollen ob seines gescheiten Mädchens. Richter Wolf hörte geduldig zu, offenbar wurden ihm solche Geschichten häufiger aufgetischt. Erst ganz am Ende resümierte er: „Herr Rumpelstiltz und Fräulein Blödkäppchen, selten habe ich so einen Mist gehört!“ Herrn Rumpelstiltz ärgerte das sehr, wusste er doch jetzt, dass er kein Geld bekommen würde, alles Lügen hatte nichts genützt. Wütend stieß er den Wolf vor die Brust. Der strauchelte, fiel rückwärts und stürzte so in den Brunnen. Obwohl der Jäger und seine Frau sich redlich mühten, gelang es ihnen nicht, den Wolf wieder aus dem Brunnen zu befreien, er ertrank. Rumpelstitz brachte seine Tat einen Haufen zusätzlichen Ärger. Blödkäppchen und er mussten aus dem Wald fliehen und waren dort nimmermehr gesehen.

Das hat sich in grauer Vorzeit genau so zugetragen, wie es hier geschrieben steht, heute passiert derlei natürlich nicht mehr. Die Geschichte vom Blödkäppchen und dem Wolf wurde lange Zeit nur mündlich überliefert. Und wie es eben so ist, bei jeder Weitergabe hat sie sich ein wenig verändert. Hat das Blödkäppchen wirklich ein rotes Kopftuch getragen oder ist sie einfach nur blöd blond gewesen? Und wer will heute noch glauben, dass der Wolf ein guter Mensch gewesen ist, den der Jäger gar nicht getötet hat? Bezweifelt wird auch, dass die Heinzelmänner schon damals gut bezahlt werden wollten und es im Märchenwald zu viele Anwälte gab. Und wer lacht nicht, wenn es heißt, dass die Großmutter nicht vom Wolf gefressen, sondern bloß aus Gram über ihren missratenenen Sohn vorzeitig gestorben ist? Aber so sind halt die alten Märchen, etwas für naive Kinder, die sie sich mit weit aufgerissenen Augen von ihren Großeltern aus alten Büchern vorlesen lassen.

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