Home > Fiktion, Rezensionen, Schach > Bertina Henrichs: Die Schachspielerin

Bertina Henrichs: Die Schachspielerin

Auf diesen Roman bin ich gestoßen, weil er in einer Literaturzeitschrift als hervorragender Erstlingsroman sehr gelobt und auch für ein paar Preise nominiert wurde. Der Roman beginnt meiner Meinung nach etwas holprig. Da die Autorin Französin ist und ich keine rechte Ahnung davon habe, wie sich literarische Qualität übersetzen lässt, kann ich nicht sagen, ob es am Original oder an der Übersetzung liegt. Im Mittelteil nimmt die Qualität deutlich zu, obwohl in einer Amazon-Rezension zum Beispiel Folgendes behauptet wird:

Die Geschichte der schachspielenden bzw. -lernenden Putzfrau ist ganz nett geschrieben und kann durchaus Lust auf Urlaub machen, das war’s aber auch. Etwas ärgerlich sind aber die vielen Klischees und Ungereimtheiten, die das Buch durchziehen. Vor allem die Nebenfiguren sind doch etwas holzschnittartig, wie z.B. der alte weise Sonderling, der Eleni das Schachspielen beibringt, oder Panos, ihr schlichter und kommunikationsunfähiger Ehemann.


Ich vermute, dass dieser Rezensent das Buch nicht vollständig gelesen hat, denn Kouros, dieser „alte weise Sonderling“ wird an einer Stelle so charakterisiert:

Sie kannte nicht den Trost der Bücher, die ihm stets Gesellschaft geleistet hatten. Das war ein großer Unterschied. Bei ihm nahm die Lektüre sogar einen Platz ein, den er nie einem Menschen eingeräumt hätte. Warum sein Leben mit sinnlosem Alltagsgeschwätz vergeuden, wenn man in einen Dialog mit den besten, den aufregendsten Denkern aller Zeiten treten kann? Warum sein Leben mit durchschnittlichen Geschöpfen bevölkern, die womöglich anziehend sind, aber keine scharfen Denker, wenn man die Wahl hat, Platon, Seneca und Proust zu besuchen?

Er hatte es zunächst mit Schrecken erfahren, dann mit Resignation. Aber aus der Entdeckung dieser Neigung, die sich rasch zum Schicksal gewandelt hatte, erwuchs zwangsläufig seine Einzigartigkeit. Die Übergangsriten, die das Dasein der meisten Menschen gliederten, würden in seinem Leben ausbleiben. Die Illusion der Metamorphose würde den direkten Weg des Niedergangs nehmen. Kein Hochzeitsanzug, kein Taufkleid würde einen barmherzigen Schleier über diese Tatsache legen. Er würde seine Vollendung nur durch den immer engeren Umgang mit der Literatur, der Musik, den Künsten oder jeder Annäherung an die unsichtbare Welt finden.

Das ist gar nicht holzschnittartig. Und es passt sehr gut zu meiner eigenen depressiven Stimmung.

Nachtrag am 19. August: Der hintere Klappentext beantwortet meine Übersetzungsfrage: Bertina Henrichs, die Autorin, ist eine Deutsche, die seit achtzehn Jahren in Paris lebt. Das Buch hat sie in französisch geschrieben, damit ihre Familie in Paris ihn ohne Übersetzung lesen kann. – Dann hat sie ihn sicher selbst ins Deutsche „übersetzt“. (Nebenbei erklärt ihre deutsche Abstammung auch die eine Szene im Buch, in der die griechische Hauptperson des Buchs über den weichen Klang der französischen Sprache räsoniert. Wie sollte eine Französin derlei wissen?)

KategorienFiktion, Rezensionen, Schach Tags:
  1. Bisher keine Kommentare
  1. Bisher keine Trackbacks