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Argumentationsfehler

Spätestens, wenn in Diskussionen die Emotionen hochkochen, werden auch Argumente geäußert, die man als weit hergeholt empfindet, die wenig oder nichts mit der Sache zu tun haben oder bei denen man manchmal das Gefühl hat, dass sie nicht stimmen können. Gibt es typische Muster, kann man „Argumentationsfehler“ systematisieren? Dieses Thema beschäftigt mich schon seit längerem, siehe z.B. Handbuch gegen Argumentationsfehler.

Gute deutschsprachige Seiten zu logical fallacies, so die englische Bezeichnung, waren bisher schwer zu finden. In den SciLogs bin ich jetzt in dem Artikel Ist besseres Argumentieren in der Gentechnikdebatte möglich? fündig geworden. Dort wird die Diskussion über die Abschaffung des Schülerlabors „HannoverGEN“ durch die rot-grünen Landesregierung in Niedersachsen zum Anlass genommen, auf typische Fehler in sich emotional hochschaukelnden Diskussionen einzugehen und jeweils einige Beispiele zu zitieren. Außerdem wird in diesem Artikel auf den Ratioblog verwiesen, der sich genau diesem Thema, der Systematisierung typischer Argumentationsfehler, widmet. Hier meine eigene, überarbeitete Liste nach dem Studium dieser beiden Artikel. Die Benennung der Typen ist etwas durcheinander, einige stammen bereits aus der Antike (Aristoteles), andere aus dem englischsprachigen Ausland, einige sind unter verschiedenen Bezeichnungen bekannt:


1. Non Sequitur (Es folgt nicht)
Nach dem Ratioblog ist das die Mutter aller Fehlschlüsse: Aus den vorgelegten Prämissen kann man den Schluss nicht ziehen. Dass das die Mutter aller Fehlschlüsse ist, stimmt meiner Meinung nach nicht ganz, denn bereits der Fehlschluss im nächsten Abschnitt „Die falsche Prämisse“ entspricht nicht diesem Typ.

Wenn ein Impfstoff nachweisbar eine giftige Substanz enthält, dann ist der Impfstoff schädlich.

Dieser Schluss stimmt nicht, weil die Konzentration eines Giftstoffes eine wichtige Rolle spielt. Als Gegenbeispiel kann man z.B. anführen, dass sich in jedem Mineralwasser (radioaktives) Uran nachweisen lässt.


2. Die falsche Prämisse
Eine logische Ableitung ist zwar richtig, aber die zuvor getroffene Annahme ist falsch. Wegen der Falschheit der Prämisse ist bei logisch richtiger Ableitung der gezogene Schluss falsch.

In der Natur erfolgt eine genetische Veränderung immer durch Mutation und Vererbung an Nachkommen. Ein Gen wird nicht zwischen verschiedenen Arten ausgetauscht. Deshalb macht die Gentechnik etwas fundamental Anderes als die Natur und ist folglich besonders riskant.

Die Prämisse stimmt nicht, denn auch in der Natur können zwischen Individuen verschiedener Arten Gene ausgetauscht werden. Bei Bakterien ist das sehr häufig der Fall, so können sich Resistenzen gegen Medikamente ausbreiten, auch wenn die dann resistenten Spezies überhaupt nicht in Kontakt mit den Antibiotika gekommen sind. Und Viren schleusen regelmäßig ihr Erbgut in fremde Zellen ein. Die Gentechnik macht sich diese Verfahren zunutze, hier werden genau diese Methoden zur Einschleusung von Erbgut in andere Zellen verwendet.


3. Der doppelte Fehlschluss
Es kommen auch Fälle vor, in denen zwar sowohl Prämissen als auch Schlüsse richtig sind, die Ableitung aber trotzdem Fehler enthält – weil sich die Fehler gegenseitig kompensieren. Der Ratioblog gibt hier kein Beispiel, merkt aber an:

… ist es durchaus möglich, dass in einer Argumentation mit mehreren Fehlschlüssen am Ende eine korrekte Schlussfolgerung steht. So wie es auch möglich ist, dass man im Straßenverkehr mehrmals falsch abbiegt, aber dennoch am gewünschten Ziel ankommt. Geht man also in der Argumentation der Gegenseite auf die Suche nach Fehlschlüssen, dann hat die Gegenseite nicht unbedingt Unrecht, nur weil man fündig geworden ist. Das Erkennen von Fehlschlüssen ist also keine ausreichende Abkürzung, um eine Argumentation abschließend zu beurteilen. Es bleibt einem nicht erspart, die Schlussfolgerung selbst auf Richtigkeit hin zu überprüfen, z.B. indem man einen Argumentationsweg zur gleichen Schlussfolgerung sucht, der frei von Fehlschlüssen ist.


4. Argumentum ad hominem (Beweisrede zum Menschen)
Bei diesem Fehler wird sich nicht mehr mit den sachlichen Fakten beschäftigt, sondern es werden vielmehr persönliche Eigenschaften der Diskussionspartner als (Gegen)Beweise zu einer These aufgeführt. Man darf diesen Argumentationsfehler nicht mit persönlichen Angriffen auf einen Diskussionspartner verwechseln, diese sind immer inakzeptabel und wortwörtlich in-diskutabel.

Der Studienautor wurde einmal wegen Steuerhinterziehung angeklagt, deshalb sind seine Studienergebnisse unglaubwürdig.

Es gibt eine ganze Reihe weiterer Fehlschlüsse, bei denen auf Eigenschaften von Menschen Bezug genommen wird, anstelle sich mit den Prämissen und den daraus möglichen Schlüssen zu beschäftigen:


5. Der Cui-bono-Fehlschluss (Wem nützt es?)
Die Grundannahme: Wer ein Motiv hatte, der war es. Es ist zwar legitim zu untersuchen, warum jemand eine bestimmte Meinung vertreten könnte, aber als Beweis der These reicht ein Motiv allein nicht aus. Auch in der Kriminalistik ist ein Motiv lediglich eine Heuristik, Verdächtige zu indentifizieren oder Unverdächtige (vorerst) von einer weiteren Untersuchung auszuschließen.

Die Rüstungsindustrie der USA hat von 9/11 profitiert, die haben bestimmt die Anschläge auch inszeniert.


6. Argumentum ad verecundiam (Autoritätsargument)
Hier wird aus der wissenschaftlichen oder gesellschaftlichen Stellung des Argumentierenden auf die Richtigkeit des Arguments geschlossen.

Hohe Dosen von Vitamin C schützen vor Erkältungen. Das sagt Linus Pauling, und der ist zweifacher Nobelpreisträger.

Häufig sind derartige Argumentationen auch noch zirkelschlüssig, weshalb man im Ratioblog einen eigenen Typ „Zirkelschluss“ findet.

Die Relativitätstheorie ist richtig, denn Einstein war ein berühmter Physiker.


7. Argumentum ad populum (Popularitätsargument)
Das Mittel oder Verfahren wird von vielen angewendet, also ist es wirksam.

Die meisten Menschen lehnen Gentechnik ab. Deshalb ist sie falsch.

Die volkstümliche Verballhornung dieser Argumentation ist: „Millionen Fliegen können nicht irren. Fresst Scheiße!“


8. Argument des Althergebrachten, Traditionsargument

Auch hier gibt es eine volkstümliche Version: „Das haben wir schon immer so gemacht.“ In versteckter Form begegnet einem das Argument in vielen Fällen.

Qigong, Akupunktur, Akupressur, Aromatherapie und traditionelle chinesische Medizin, das sind Sachen die seit Jahrhunderten, vielleicht sogar tausenden von Jahren funktionieren.

Man kann lediglich behaupten, dass sie seit vielen Jahren angewendet werden. Aber die Tatsache, dass sie angewendet werden, beweist noch nicht ihre Wirksamkeit.


9. Sein-Sollen-Fehlschluss (Naturalistischer Fehlschluss)

Der naturalistische Fehlschluss liegt vor, wenn von der Natürlichkeit oder dem Vorhandensein der Prämissen auf die Richtigkeit der Folgerung geschlossen wird. Aber aus der Tatsache, dass etwas so ist, kann man nicht schlussfolgern, dass es so sein muss.

Eine Erkrankung ist der natürliche Weg, wie Kinder immun gegen Kinderkrankheiten werden.

Das ist hier ein Argument gegen den Nutzen von Impfungen. Es ist zwar richtig, dass man nach vielen klassischen Kinderkrankheiten immun gegen die Erreger wird, aber eine Impfung kann das vielleicht genauso gut erreichen. Viele Fehlertypen überschneiden sich, so auch in diesem Beispiel:

Es sind schon immer Menschen in Kriegen gestorben.

Damit soll begründet werden, dass Kriege naturgegeben sind. Hier treffen sowohl der Sein-Sollen-Fehlschluss als auch das Traditionsargument zu.


10. Das Pappkameraden-Argument

Beim so genannten Pappkameraden-Argument stellt man die Gegenposition verzerrt und überzeichnet dar, um den eigenen Standpunkt in besserem Licht erscheinen zu lassen.

Von Ratioblog stammt das folgende Beispiel:

„Die Evolutionstheorie sagt, dass eine Art aus einer anderen Art entstehen kann. Man hat aber noch nie beobachtet, dass ein Hund eine Katze zur Welt bringt. Deshalb ist die Evolutionstheorie falsch.“

Auch hier sagt die Evolutionstheorie keinesfalls, dass aus einer modernen Form in einem einzigen Schritt eine komplett andere moderne Form entstehen kann. Sie besagt stattdessen, dass Hunde und Katzen gemeinsame Vorfahren hatten, aus denen sich die modernen Formen in kleinen Schritten entwickelt und sich voneinander entfernt haben. Die Erwartung, dass ein Hund eine Katze zur Welt bringen könnte, beruht auf einer Falschdarstellung der Evolutionstheorie.


11. Das Dammbruch-Argument (Slippery Slope)

Die unbeweisbare Grundannahme dieses Arguments: Ein erster Schritt wird zwangsläufig weitere nach sich ziehen.

Wenn wir heute die Präimplantationsdiagnostik zulassen, dann wird es in Zukunft nur noch Designerbabys geben und die auf normalem Weg gezeugten Menschen werden von den neuen Übermenschen diskriminiert.

Der Fehler besteht darin, hier eine zwangsläufige Folge zu implizieren, wo doch jeder der Folgeschritte durchaus neue Überlegungen und Entscheidungen notwendig machen wird.


12. Das falsche Dilemma

Bei der Argumentationsfigur des falschen Dilemmas wird suggeriert, es gäbe nur eine limitierte Anzahl an möglichen Handlungsoptionen.

Entweder die Regierung in Baden-Würtemberg beteiligt sich an den Kosten von S21 oder die Fahrpreise für alle Bahnreisenden werden steigen.

Eine dritte Möglichkeit bestünde hier z.B. darin, das Projekt ganz einzustellen. Die Kosten blieben dann geringer und nur eine Reihe von Entscheidungsträgern in der Politik und bei der Bahn stünden blamiert da.


13. Der falsche Kompromiss

Beim falschen Kompromiss dagegen schließen sich zwei oder mehr Möglichkeiten tatsächlich gegenseitig aus, und dennoch wird behauptet, dass mehrere Aussagen wahr sein können, oder dass eine Mischaussage wahr ist.

  • Die erste Fraktion ist für ein Tempolimit von 130 km/h auf deutschen Autobahnen.
  • Die zweite Fraktion ist gegen ein Tempolimit, die schnellsten Autos sind dann etwa 250 km/h schnell unterwegs.
  • Treffen wir uns doch in der Mitte und einigen uns auf 190 km/h.

14. Die Anekdote anstelle des Arguments

Eine beliebte rhetorische Figur ist der Rückgriff auf Erzählungen von Anekdoten und Beschreibungen von Einzelfällen.

Bei meiner Bekannten hat das homöopathische Medikament sehr gut gewirkt.
Ich habe gehört, Frau Meier ist nach ihrer Grippeimpfung schwer erkrankt.


15. Das Galileo-Argument

Oder: „Über Galileo haben sie früher auch gelacht.“ Sehr beliebt bei allen unverstandenen Propheten. Der Beweis der aufgestellten Behauptungen wird in die Zukunft verschoben.

Die Nachwelt wird mir Recht geben.


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  1. 7. März 2013, 20:20 | #1

    Schopenhauer hatte sich damit intensiv beschäftigt. Seine 38 Kunstgriffe werden hier mit aktuellen Zeitbezügen kombiniert (sehr viel zu lesen). (Und hier die Wikipedia-Zusammenfassung.)

  2. Peter
    7. März 2013, 23:06 | #2

    Sicher ist es wichtig die Regeln des korrekten Argumentierens parat zu haben (Der Bayrische Rundfunk nimmt den öffentlich rechtlichen Auftrag mit der Reihe Einfach logisch geradezu vorbildlich wahr). Ich befürchte aber, dass in der Praxis die eigenen Ziele durch das Einschalten einer PR-Agentur besser bedient werden, als durch eine logische Argumentation. Das fängt schon damit an, dass man für einen sauberen Schluss Prämissen braucht, die belastbar sind. Praktisch ist die Welt leider meist grau statt schwarz und weiß.

    So kann die Impfung möglicherweise hilfreich sein, aber viel wichtiger ist, dass die Anerkennung als Standardimpfung eine Lizenz zum Gelddrucken ist und dementsprechend auf Teufel komm raus gelogen und betrogen wird. Die Pharamindustrie hat ein reichhaltiges Repertoire die Wahrheit zu beugen oder zu brechen. Da hilft alle Logik nichts mehr, wenn die Prämissen undurchschaubar für den Außenstehenden volatil werden.

    In der Aufstellung fehlt übrigens noch das falsche Bild, dass versucht Analogien zu evozieren, die nicht vorhanden sind. Meister solcher Bilder war Edward Bernays, der z.B. das Bild der „Torch of freedom“ kreierte, um für die moderne Frau der 20er-Jahre das Rauchen in der Öffentlichkeit statthaft zu machen. Das Bild war so schön, dass es im letzten Kriegsjahr des WWII nochmal für die künftige Außenpolitik der USA recycled wurde. Und dann funktioniert der Slippery Slope, ob man möchte oder nicht. Da helfen alle Wahrheitstabellen nicht mehr.

    Der gute Wille der Bemühungen ist also zu loben, wird aber der Praxis nicht gerecht. Man muss kein Kulturpessimist zu sein, um dies zu bezweifeln. Guter Wille vorausgesetzt, helfen Moore und de Morgan sicherlich. Im wirklichen Leben ist das Movens aber doch eher Profit, Macht oder schnödes Rechthaben.

  3. Ananse
    9. März 2013, 16:25 | #3

    @Gregor Keuschnig
    Ich kannte „Eristische Dialektik“ bisher nur als Vorwurf, wenn jemand in einer Diskussion einem anderen (angeblich) das Wort im Mund herumdreht. Dass sich dahinter Schopenhauer verbirgt, wusste ich nicht. Mit der Frage, inwieweit beim Überzeugen der Einsatz rhetorischer Mittel zulässig ist, damit hat sich ja bereits Aristoteles beschäftigt. Ich denke, es gibt da gar keine Wahl, denn die Sprache ist ja *das* Mittel im Dialog.

  4. Ananse
    9. März 2013, 16:32 | #4

    @Peter
    Danke für den Link zum BR.

    Für die Pharmaindustrie gilt: Man kann ihr nicht vorwerfen, dass sie für ihre Produkte argumentiert (Cui bono reicht eben für ihre Verurteilung nicht aus).

    Dass unsere rationalen Möglichkeiten begrenzt sind, das zeigt ja derzeit gerade die Neurowissenschaft. Viele unserer vermeintlich rationalen Entscheidungen sind nach-rationalisiert, eben weil sich uns viele Prämissen nicht erschließen, sie bleiben implizit.

    „Das falsche Bild“ als einen weiteren Argumentationsfehler zu betrachten, ist interessant. Darüber muss ich nochmals nachdenken. Rein formal könnte man sich ja auf den Standpunkt stellen, dass es nicht das falsche Bild selbst ist, das die Argumentation verfälscht, sondern die schlecht reflektierte Übernahme einer zutreffenden Beweisführung für einen ganz anderen Fall. Aber andererseits kommen schlecht gewählte Analogien sehr häufig vor, sodass sich eine eigene Kategorie für sie sicher lohnt.

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