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Andreas Eschbach: Der Jesus-Deal

Von Andreas Eschbach habe ich inzwischen schon eine ganze Reihe von Büchern gelesen, z.B. Eine Billion Dollar, Der Nobelpreis, Das Buch der Zukunft und Exponentialdrift. Sein bekanntestes Buch ist aber sicherlich „Das Jesus-Video“, auch wegen seiner Verfilmung. Die Hauptidee in diesem Roman ist, dass man sich, nachdem bei Ausgrabungen 2000 Jahre alter Artefakte die Bedienungsanleitung einer Videokamera gefunden wurde, die erst in der Zukunft auf den Markt kommen wird, auf die Suche nach einer Videokassette macht, die in der Lebenszeit von Jesus bespielt worden sein muss. Tatsächlich werden die Aufnahmen am Ende des Buchs gefunden. Sie zeigen den historischen Jesus und sind für einige der Betrachter so beeindruckend, dass sie ihr Leben verändern. Andere glauben hingegen an eine Fälschung.

Ich habe damals beim Lesen nicht gedacht, dass Andreas Eschbach nochmals darauf zurückkommen und eine Fortsetzung schreiben würde, aber mit „Der Jesus-Deal“ hat er Ende des letzten Jahres einen zweiten Teil zu diesem Thema veröffentlicht. Im ersten Buch war der Zeitreisende im Dunkeln geblieben, aber nur ein solcher konnte ja die betreffenden Aufnahmen mit einer modernen Kamera machen. Im neuen Buch wird gleich eine ganze Gruppe mit dem Ziel in die Vergangenheit geschickt, Jesus in die Gegenwart zu holen. Auftraggeber und Chef des Unternehmens ist der Führer einer orthodoxen und obskuren christlichen Sekte, der aktuelle Ereignisse unserer Zeit anhand der Bibel so interpretiert, dass die Endzeit – Armageddon – angebrochen ist und mit der Rückkehr von Jesus das Jüngste Gericht beginnen wird.

Ich kann und will hier nicht weiter die Handlung „verraten“, denn schließlich ist ein belletristisches Buch nur halb so spannend, wenn man den Verlauf schon genau kennt. Aber einige Passagen, mit denen Eschbach die ganze Unlogik des (christlichen) Glaubens aufzeigt, komme ich hier nicht umhin zu zitieren:

»Aber um Jesus zu kreuzigen, mussten ihn die Römer erst einmal finden und festnehmen«, sagte er zögernd. »Das konnten sie nur, weil Judas ihn verraten hat, nicht wahr?«
»So ist es. Ein Mann, dem er vertraut hat wie einem Bruder.«
»Das war doch bestimmt eine Sünde, oder? Jesus den Henkern auszuliefern?«
»Ja, natürlich«, erwiderte sein Vater heftig. »Judas hat sich dann ja auch selbst gerichtet.«
»Und ist in die Hölle gekommen?«

»Aber der Punkt ist doch, dass Gottes Plan nicht funktioniert hätte, wenn Judas Jesus nicht verraten hätte.«
»Er hat ihn aber verraten.«
»Schon – aber wie konnte sich Gott darauf verlassen, dass er das tun würde?«
Sein Vater furchte misstrauisch die Stirn. »Wie meinst du das?«
»Judas musste ja sündigen, damit Jesus gekreuzigt wurde und wir damit von unseren Sünden erlöst wurden. Gottes Plan beruhte darauf, dass Judas sündigen würde. Das heißt, das Seelenheil der gesamten Menschheit hing an einem einzigen … nun ja, Sünder!«

Michael merkte, dass er heftige Bewegungen mit den Händen machte, und ließ es. »Aber das heißt doch, als Judas auf die Welt gekommen ist, hätte Gott ihm gleich sagen können: Du, Judas, wirst es nicht schaffen. Du wirst in der Hölle landen. Du hast keine Chance, etwas daran zu ändern. Selbst wenn alle anderen Menschen sich zu Jesus bekennen und gerettet werden, einer muss mindestens in der Hölle landen, damit die ganze Sache überhaupt funktioniert, und das wirst du sein. Du bist dafür vorgesehen.«

Hier findet sich in etwa derselbe logische Zirkel, der einem auch in der Theodizee begegnet. Um die Menschheit erretten zu können, muss mindestens ein Mensch verloren gehen, und (der gütige?) Gott hat das entweder gewusst und zugelassen – oder er hat es nicht gewusst. Dann wäre „die Errettung der Menschheit“ eher zufällig.

Eine weitere, etwas kürzere Stelle mit einem vergleichbaren logischen Fehler:

Michael, sagt er, verlier jetzt nicht die Nerven. Das ist eben der Plan. Der Plan Gottes. Er opfert seinen Sohn für uns. Jesus weiß das, er hat es freiwillig auf sich genommen. Du weißt das doch alles, Michael.« Er blinzelte. »Aber ich stieß ihn weg, schrie: Das ist Quatsch! Was heißt, er opfert seinen Sohn? Wem denn? Hmm? Wem muss Gott ein Opfer bringen? Das ist völlig unlogisch. Gott ist der Schöpfer von allem und jedem, es gibt nichts und niemanden darüber; was soll das Gerede von einem Opfer, das er bringen muss?

In der Tat, eine interessante Frage: Warum lässt Gott zu, dass Menschen einen anderen Menschen töten, um die Menschen zu erretten? Wo er doch alle Menschen geschaffen hat und alles vorhersehen kann?

Eine zweites, für mich interessantes Thema ist, wie Eschbach die Zeitreise physikalisch halbwegs plausibel erklären kann. Er zitiert den fiktiven Physiker Pawel Kozyrev und dessen fiktives Buch „Möglichkeiten temporaler Dislokation“, Moskau, 1966:

Albert Einstein war der Erste, der erkannte, dass Materie und Energie keine völlig voneinander getrennten Dinge sind. Seine Formel E=mc2, die anschaulich beschreibt, wie sie miteinander in Verbindung stehen, ist wohl die berühmteste physikalische Formel überhaupt. Materie kann in Energie umgewandelt werden – was die physikalische Grundlage der Kernenergie ist –, Energie kann in Materie umgewandelt werden: Das heißt, es handelt sich im Grunde nur um zwei Seiten derselben Medaille.

Später zeigte er in seiner Relativitätstheorie, dass Raum und Zeit genauso wenig voneinander zu trennen, sondern im Gegenteil untrennbar miteinander verwoben sind: Seither sprechen wir in der Physik von Raumzeit.

Ich fand es angesichts dessen nur naheliegend zu vermuten, dass es ähnliche Verwobenheiten auch zwischen Raum und Energie, Materie und Zeit und so weiter geben müsse.

Tatsächlich ist es so, dass inzwischen Lösungen der Gleichungen der Allgemeinen Relativitätstheorie gefunden worden sind, die die Möglichkeiten von Zeitreisen aufzeigen. Allerdings weiß man heute noch nicht, ob damit nicht der Geltungsbereich der Gleichungen bereits überschritten worden ist und ob die dafür notwendigen Energien von uns jemals aufbringbar sind. Im Buch jedenfalls wird die Zeitreise durch einen anderen Physiker realisiert, der bei besagtem Kozyrev studiert hat, und natürlich nicht an Gott, sondern an einen zukünftigen Nobelpreis glaubt.

Nachdem ich bei „Das Jesus-Video“ nicht auf eine mögliche Fortsetzung geachtet habe, war ich dieses Mal diesbezüglich etwas aufmerksamer. Am Ende des Buchs dachte ich fündig geworden zu sein, denn auf „Kapitel 48“ folgt „Fundstück 4“. Später habe ich jedoch gesehen, dass „Fundstück 1“ bis „~3“ bereits dem ersten Kapitel vorangestellt worden sind. Aber die Identität des Zeitreisenden, der tatsächlich das Jesus-Video gedreht hat, wird auch im zweiten Buch nicht aufgedeckt, die hier in die Vergangenheit Gereisten waren es nicht. Es besteht also die Möglichkeit, dass in der Zukunft…

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