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Akif Pirinçci: Die Damalstür

Im Frühjahr hatte ich den Film Die Tür gesehen und mir danach das Buch von Akif Pirinçci, das die Vorlage für diesen Film gewesen ist, Die Damalstür, besorgt. Das zentrale Ereignis im Film ist, dass der gescheiterte Maler David Andernach, der einige Zeit vorher schuldig am Tod seiner Tochter geworden ist, durch eine Tür in die Vergangenheit gelangt und dort den Tod seiner Tochter verhindern kann. Als er dort seinem jüngeren Selbst begegnet, bringt er dieses um. In der Wikipedia wird der Inhalt so beschrieben:

… findet er Leonie ertrunken im Swimmingpool auf.

Fünf Jahre später, … findet er einen Schmetterling, dem er in einen ihm unbekannten Gang folgt. David öffnet die Holztür am Ende des Gangs und findet sich plötzlich im Sommer wieder. Er beobachtet sich selbst die Straße zu Gias Haus überquerend und erkennt, dass er sich in der Zeit vor fünf Jahren befindet. In letzter Sekunde gelingt es ihm, Leonie aus dem Pool zu retten. Als sein jüngeres Ebenbild ins Haus zurückkehrt und ihn als potentiellen Einbrecher angreift, bringt David es in Notwehr um.

Der Film wird immer verstörender, dem Zuschauer wird gezeigt, dass die meisten Bewohner der Straße ebenfalls durch die Tür gekommene Doppelgänger sind, die ihre jüngeren Ichs umgebracht und in den Gärten der Häuser vergraben haben. Diese Grundidee des Films findet man auch im Buch wieder. Allerdings kehrt der Maler im Roman gleich mit seiner geschiedenen Frau zurück. Statt einer Tochter im Film hat er hier seinen Sohn David verloren und dieser ist noch gar nicht geboren in der Zeit, in die ihn die Tür zurückführt. Und im Buch gehen die beiden ehemaligen Eheleute bereits mit dem festen Vorsatz zurück, ihre Vorgänger umzubringen, um an einer glücklichen Stelle in ihrer Vergangenheit ihr Leben fortzusetzen und ab dort alles besser zu machen.

Bereits zu Beginn hat mir eine Stelle gut gefallen, die einen Gedanken zeigt, den ich auch schon häufiger in einer modernen Kunstausstellung oder Aufführung hatte:

Nein, vielmehr bedeutete es, daß er sich dabei etwas gedacht hatte! Dies war der Zauberspruch, das Sesam-öffne-dich!, mit dem man die Welt der Kunst betrat. Der zeitgenössische bildende Künstler ließ sich kaum mit der Elle des zeichnerischen Geschicks mehr messen, weil er seine Ausdrucksmöglichkeiten im Vergleich zu seinen Kollegen in früheren Zeiten ins Unendliche erweitert hatte. Der gewöhnliche Tourist, der in Anbetracht der an die Leinwand getackerten Binden »Das kann ich auch!« ausrief, mochte vielleicht, was die rein technische Ausführung anging, im Recht sein. Doch da er sich im Gegensatz zu dem Künstler dabei nichts gedacht hatte, war das Endprodukt künstlerisch komplett wertlos. Kurz, das Gemälde an sich spielte eine weit geringere, wenn nicht sogar überhaupt keine Rolle im Vergleich zu dem Theorienkonstrukt, in das es eingebettet war. Die Ästhetik und die handwerkliche Finesse eines Bildes waren längst der Idee gewichen oder besser gesagt der Propagandapower des Ideenschöpfers.

Diese Denkweise hatte inzwischen eine derartige Verbreitung gefunden, daß derjenige, der wirklich malen konnte, sich der Mittelmäßigkeit, ja der Talentlosigkeit verdächtig machte. Und genau das war Seichtem, solange er denken konnte, immer zum Verhängnis geworden. Denn wenn Ali auch sonst null und nichts konnte, malen konnte er wirklich.

Wo der Film endet, wird der Irrsinn im Roman fortgesetzt, was aus ihm endgültig eine Horrorgeschichte macht:

»Ja, wenn wir in diese Welt treten, geht das Leben auf der anderen Seite ganz normal weiter, nichts verändert sich darin. Der Eintritt in die Vergangenheit bedeutet nicht, daß wir aus jener Welt einfach verschwinden. Nein, wir hinterlassen dort ebenfalls Kopien, ein drittes Ich, unser altes Ich? das ahnungslos weiterexistiert und in seiner eigenen Hölle weiterschmort. Ich will es dir ganz genau erklären, Alfred Seichtem. Was für ein Jahr haben wir jetzt draußen, 2000. 2001? Nachdem du und deine Frau die Tür passiert haben, ist im Jahre 2001 keine Lücke von zwei Menschen entstanden. Ihr seid als eure Doppelgänger in dieser Zeit immer noch vorhanden, bloß daß sie die Tür nicht entdeckt haben. Noch nicht! Und das ist der springende Punkt, denn irgendwann werden sie es tun, vielleicht schon heute nacht…

Ali und Ida werden irgendwann kommen, verlaß dich drauf, Ali, und sie werden mit größerer Brutalität zuschlagen, als ihr es getan habt. Vielleicht bringen sie euch mitten auf der Straße um. Denn dieses Paar hat weniger Skrupel als ihr und weniger Hemmungen. Während nämlich eure Leidensphase von relativ kurzer Dauer war, mußten sie viele, viele Jahre lang das Verhängnis ihrer früheren Fehlentscheidungen erdulden. Sie sind erheblich verbitterter, kaputter, zorniger und für solche verlockenden Lösungen empfänglicher als ihr. Sie sind wahre Monster, und weil ein verpfuschtes Leben Menschen auch äußerlich entstellt, dürften sie einen ziemlich schrecklichen Anblick bieten. Und sie werden vor nichts zurückschrecken.«

Es gibt ein paar Szenen im Buch, bei denen ich geglaubt habe, der Autor hätte den Überblick über die Handlung verloren. Zum Beispiel berichtet Ida, seine Frau, Ali, dass sie ihr jüngeres Ich bereits getötet hat, um das erst ein paar Seiten später wirklich zu tun – wobei sich die jüngere Ida von der älteren auch noch bereitwillig abschlachten lässt. Aber im Unterschied zum Film werden diese Widersprüche und auch das Zeitreiseparadoxon am Ende zufriedenstellend aufgeklärt. 🙂

Nachdem ich den Film gesehen hatte, war ein zusätzlicher Beweggrund für den Kauf des Buchs die folgende Passage im Wikipediaartikel über den Autor:

Deutschland von Sinnen ist ein im März 2014 im Manuskriptum-Verlag erschienener Bestseller, in dem sich Pirinçci kritisch über die seiner Ansicht nach privilegierte Stellung Homosexueller, Migranten und Frauen in der politischen Debatte der Bundesrepublik äußert. Pirinçci stellt hierin sein Bild von Minderheiten im bundesrepublikanischen politischen Diskurs dar und mahnt an, dass diese teils bewusst Angebote der Kooperation ausschlagen würden und dass ihnen undemokratisch viel Einfluss und Blockademacht zukomme.

Das Buch, dem ein populistischer Ansatz attestiert wurde, ist von einer derben bzw. polemischen Ausdrucksweise geprägt, was für zahlreiche Reaktionen und kritische Besprechungen sorgte. Innerhalb der Spiegel-Bestsellerlisten kursierte es Anfang 2014 konstant unter den Top-10-Taschenbüchern des Bereichs Sachbuch.

Ich habe dieses Buch noch nicht gelesen, aber es ist tatsächlich eine interessante Frage, ob Minderheitenmeinungen ein größeres Gewicht zukommen sollte, als es dem prozentuellen Verhältnis der entsprechenden Minderheit im Vergleich zur Mehrheit entspricht.

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