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Peter ist weg

Peter sah dem Kommissar hinterher, als dieser zur Tür ging und sie hinter sich zumachte. Er hörte auch das Herumdrehen des Schlüssels. Der zweite Polizist war sitzengeblieben. Die Befragung hatte ziemlich lange gedauert und Peter jedes Zeitgefühl verloren. Das Zimmer besaß kein Fenster, vielleicht war es draußen schon Nacht geworden? Auch der Polizist schien müde zu sein, er schloss seine Augen.

Peters Augen schweiften zuerst im Raum umher, dann kehrten sie zum Tisch zurück. Dort lag immer noch eine der Münzen, derentwegen die Polizei sein Zimmer gestürmt hatte und die er aus dem Stadtmuseum gestohlen haben sollte. Als Peters Blick auf die Münze traf, rutschte sie ein Stück auf dem Tisch weiter. Peter konzentrierte sich und tatsächlich gelang es ihm, die Münze an einer Seite anzuheben. Nach einiger Zeit hatte er es geschafft. Sie stand jetzt senkrecht auf ihrer schmalen Seite. Entweder wegen ihrer geriffelten Kante oder weil der Tisch genau waagerecht stand, rollte sie nicht vom Tisch. Der Polizist hatte nichts bemerkt und hielt weiter seine Augen geschlossen. Peter machte sich den Spaß und stieß die Münze an einer Seite an, jetzt drehte sie sich langsam.

Peters Gedanken begannen zu kreisen, fast wie die Münze auf dem Tisch. Den Trick mit der Levitation beherrschte er schon lange, seit seiner Kindheit. Sein Vater war ziemlich streng gewesen, manchmal hatte er Peter sogar geschlagen. Als er, das war vielleicht zwanzig Jahre her, einmal Münzen und Geldscheine auf dem Tisch sortierte, um ihm sein Taschengeld zu geben, war er einen Moment unaufmerksam und der Junge konnte einige zusätzliche Münzen zu sich herüberziehen.

Später gelang ihm das Kunststück auch mit größeren Gegenständen. Je älter er wurde, desto geschickter wurde er und desto leichter fiel es ihm. Aber eine Erklärung fand er nicht, wieso er das konnte. Instinktiv hielt er es auch vor seinen Freunden geheim, die ihn sowieso für etwas sonderbar hielten. Peter beschloss Physik zu studieren, vielleicht kam er dort näher an eine Lösung heran. Seinem Vater gefiel das gar nicht, er hätte den Jungen lieber einen „ordentlichen“ Beruf lernen gesehen. Mit achtzehn Jahren und nach einem heftigen Streit mit seinen Eltern zog er aus und nahm sich ein Zimmer im Studentenwohnheim.

Im zweiten Studienjahr lernte er Sophie kennen. Zusammen mit einigen seiner Kumpels ging er wie jeden Dienstag in den Club. Peter benötigte einige Gläser Bier, bis er es sich zu später Stunde getraute Sophie anzusprechen, die hinter dem Tresen arbeitete. Sie schien darauf gewartet zu haben. Sie kellnerte dort nur aushilfsweise, um sich so ihr Studium zu finanzieren.

Nachdem sie sich in den nächsten Wochen einige Male getroffen hatten, zuerst auf einen Kaffee, später zu immer länger werdenden Spaziergängen, zog sie bei ihm ein. Ihre und seine Freunde fanden, dass sie gut zusammenpassen, denn auch Sophie erschien allen etwas merkwürdig. Sie studierte Geschichte und versuchte in ihrer Masterarbeit zu beweisen, dass Karl V. nicht vier, sondern fünf Kinder gehabt hatte, obwohl die Faktenlage dafür doch äußerst dünn war, wie ihr Professor kritisch anmerkte.

Eines Nachts hatte Peter einen merkwürdigen Traum. Sophie und er befanden sich am Hofe Karls V., wo beide arbeiteten. Seine Freundin war eine der Erzieherinnen für die Kinder des Kaisers, er eine Art Hofnarr. Besonders beliebt waren die Kunststückchen, bei denen er Gegenstände durch die Luft schweben ließ. Peter fand seinen Traum äußerst seltsam. „Hat mich Sophie mit ihrem Karl V.-Fimmel schon so angesteckt?“, fragte er sich. Jedenfalls hatte in seinem Traum der Kaiser tatsächlich fünf Kinder. Am Ende einer besonders gelungenen Vorstellung seines Hofnarren steckte ihm der Kaiser persönlich ein Säckchen mit Münzen zu.

Am Morgen wachte er so auf, als ob gar nicht geschlafen hatte. Später als Sophie ebenfalls munter geworden war, erzählte er ihr von seinem seltsamen Traum. Anders als er es von ihr erwartet hatte, schien sie kein bisschen verwundert. Sie schaute ihm über die Schulter, dann lächelte sie und wies mit dem Finger über seine Schulter in Richtung des Schreibtischs ihres kleinen Studentenzimmers. „Schau mal.“ Peter drehte sich um, und was er dort sah, traf ihn wie ein Schlag: Auf dem Tisch lag genau das bestickte Säckchen, dass ihm der Kaiser in seinem Traum gegeben hatte.

Sophie kletterte aus dem Bett, ging zum Tisch und kehrte mit dem Beutel zurück. Sie öffnete das Verschlussband und ließ die Münzen auf das Bett klimpern. „Das war kein Traum, das ist real!“ An diesem Tag ließen sie alle ihre Vorlesungen sausen und Sophie erzählte ihm lange aus ihrem Leben. So wie Peter ein Physikstudium begonnen hatte, um mehr über sich herauszufinden, so war Sophie zur Geschichte gekommen.

Nach ein paar Tagen begannen sie vorsichtig, die eine oder andere Münze in Sammlerforen zu verkaufen. Sophie konnte ihren Job im Club aufgeben und sich wieder mehr der Fertigstellung ihrer Masterarbeit widmen. Nach einigen Wochen, sie empfanden ihren neuen Reichtum als schon ganz normal, wurde früh am Morgen heftig ihre Tür aufgerissen. „Polizei! Keiner rührt sich!“ Peter blieb wie gelähmt liegen und starrte zuerst auf die Polizisten und dann auf das Säckchen mit den Münzen, dass sie unvorsichtigerweise einfach auf dem Tisch liegen gelassen hatten.

Aber sein Schreck steigerte sich ins Unermessliche, als er neben sich auf das Bett schaute und dort Sophie nicht fand, die am vorigen Abend zusammen mit ihm schlafen gegangen war. Auf ihrer Seite des Bettes war die Bettdecke glatt gezogen und auch das Kissen sah so aus, als ob es diese Nacht nicht benutzt worden war. Wo war Sophie?

Später auf dem Revier klärte ihn der Kommissar auf. Einer der Sammler, der eine Münze erworben hatte, war stutzig geworden, hatte recherchiert und letztlich die Polizei informiert. Vor einigen Wochen war aus dem hiesigen Stadtmuseum genau ein solcher Beutel mit Münzen gestohlen worden, der jetzt in Peters und Sophies Studentenbude gefunden worden war. Und der Mann auf dem Überwachungsvideo des Museums sah Peter zum Verwechseln ähnlich. Deshalb saß er jetzt hier im Verhörraum.

Plötzlich öffnete der Polizist, der im Verhörraum geblieben war, seine Augen und anhand seiner Wachheit erkannte Peter, dass er auch zwischendurch nicht geschlafen hatte. „Peter, wir müssen los. Der Kommissar telefoniert gerade, um deine Überstellung in das nächstgelegene Gefängnis zu organisieren.“ Zwei Fragen schossen Peter als erstes durch den Kopf und er platzte sofort damit heraus: „Wer sind Sie? Können Sie das Telefongespräch von hier aus hören?“ „Ich bin Sophies Bruder Patrick. Und ich kann den Kommissar nicht bloß hören, ich kann ihn sogar sehen. Er steht zwei Räume weiter hinter seinem Schreibtisch und telefoniert mit dem Gefängnis.“

Und dann fragte er Peter: „Du kannst doch die Tür aufschließen, oder? Peter hatte sich noch nicht von seinem Schock erholt, aber er nickte und wandte seinen Blick zur Tür. Mit voller Konzentration versuchte er den Schlüssel zu drehen.“ Das war bedeutend schwieriger als eine Münze zu bewegen und Peter brauchte eine Weile, bis es ihm gelang. In seiner Aufregung hatte er zunächst auch ganz vergessen, dass die Drehrichtung des Schlüssels von dieser Seite des Schlosses genau andersherum war.

„Wir können gehen“, sagte Patrick, der nochmals kurz seine Augen geschlossen hatte, „auf dem Gang ist niemand.“ Leise klinkten sie die Tür auf und schlichen den Flur entlang zum Hinterausgang. Diese Tür war nicht abgeschlossen. „Das habe ich so vorbereitet“, sagte Patrick. Dann standen sie auf der Nebenstraße, es waren keine anderen zu sehen. „Und nun“, fragte Peter unschlüssig. Patrick zuckte die Schultern, dann wies er unbestimmt nach oben. „Du kannst doch levitieren, also los.“ Das hatte Peter noch nie gemacht und ein bisschen Höhenangst hatte er auch.

„Wann werde ich Sophie wiedersehen?“, fragte er. Patrick lächelte erneut. „In welcher Zeit und an welchem Ort, solltest du fragen. Aber das weiß ich auch nicht.“ Peter versuchte sich zu konzentrieren, dann gelang es ihm, sich selbst in die Luft zu heben. Patrick schaute ihm hinterher,
solange bis das immer kleiner werdende Pünktchen am Himmel verschwunden war. Patrick überlegte, ob er selbst in das Polizeigebäude zurückkehren sollte, entschied sich dann aber anders. Er wurde jetzt immer durchsichtiger. Zuerst konnte man nur ein bisschen die dahinter liegende Tür erkennen, danach verschwand er vollständig – so als ob niemand vor dem Gebäude stehen würde.

Kurze Zeit später öffnete der Kommissar im Gebäude die Tür und schaute konsterniert in den leeren Raum, nur der Tisch und die Stühle waren noch da. „Verdammt, wohin ist der Kerl nur verschwunden?“ Wie es in solchen Situationen häufig ist, konnte er sich partout nicht mehr daran erinnern, ob er gerade die Tür aufgeschlossen hatte oder ob sie bereits auf gewesen war. So etwas macht man normalerweise vollkommen unbewusst.

Dieses Vorkommnis konnte seiner Karriere schweren Schaden zufügen, hatte er doch einen Dieb entwischen lassen. Und wie wollte er beweisen, dass er die Tür ordentlich abgeschlossen hatte? „Ich hätte einen Kollegen auf den Dieb aufpassen lassen!“ Wie konnte ihm nur ein solcher Anfängerfehler unterlaufen. Er stürzte in sein Büro zurück, um eine Großfahndung nach dem flüchtigen Dieb auszulösen.

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  1. 21. April 2018, 00:25 | #1

    Dein Text erinnert mich an die Netflix-Serie „Stranger Things“, die ich vor Längerem mal angefangen hatte zu schauen. In SF geht es auch um Kinder mit psychokinetischen Fähigkeiten, die teilweise stark darunter leiden und von staatlichen Organisationen festgehalten und wissenschaftlich untersucht werden.

    Ich frage mich bei solchen Schilderungen immer, ob Wissenschaftler überhaupt den übernatürlichen Charakter solcher Fähigkeiten feststellen könnten. Das Credo der Wissenschaft, so könnte man in einer erster Annäherung annehmen, ist der methodologischer Naturalismus-, also die Haltung, dass man „das Übernatürliche“ nicht in die Forschung einbeziehen sollte, weil man prinzipiell nur das Natürliche untersuchen und verifizieren kann.

    Nehmen wir als Beispiel das Phänomen mentaler Zustände: Kein Mensch und auch kein Wissenschaftler muss daran glauben, dass mentale Zustände letztendlich physikalische Zustände sind (philosophischer Naturalismus). Aber wenn er als Wissenschaftler diese Zustände untersuchen möchte, ist sein methodisches Ziel eine natürliche Erklärung bzw. Reduktion dieser Zustände. Ein Neurowissenschaftler darf bei seiner Arbeit nicht Theist oder Substanzdialist sein, denn wenn er davon ausgeht, dass es einen allmächtigen Gott oder eine metaphysische Seele geben könnte, die zu jeder Zeit die Gesetzmäßigkeiten in der Welt brechen und verändern können, dann werden wissenschaftliche Erklärungen wie nach dem Hempel-Oppenheim-Schema und somit letztendlich das wissenschaftliche Unterfangen sinnlos. Aus ähnlichen Überlegungen schließt man bei der akademischen Erforschung parapsychologischer Phänomene übernatürliche Erklärungen wohl a priori aus.

    Was aber wäre, wenn ein bestimmtes Heilwasser, das vom Papst geweiht wurde, bei einer Testgruppe tatsächlich signifikant öfter wirkt als bei einer Kontrollgruppe, die nur ein Placebo bekommen haben? Wenn wir also annehmen, dass sich die Wirkung nicht zeigt, wenn das Wasser nicht vom Papst geweiht wurde. Und dass sich mit allen Methoden der chemischen Analyse keinerlei Unterschiede zwischen dem geweihten und dem ungeweihtem Wasser feststellen lassen. Wäre es in einem solchen Fall eine wissenschaftlich(!) sehr gut begründete Annahme, dass der Papst übernatürliche Heilungskräfte besitzt? Oder sollten Wissenschaftler nicht lieber davon ausgehen, dass sie die natürlichen Unterschied zwischen dem geweihten und dem ungeweihtem Wasser nur noch nicht verstehen und noch energischer forschen müssen?

    Eine Antwort auf diese Fragen findet sich bei Hume: Übernatürliche Geschehnisse (bei Hume: „Wunder“) seien per Definition diejenigen Ereignisse, die im Widerspruch zu den Naturgesetzen stehen. A-Priori-Naturalisten könnten nun leugnen, dass es ein solches Ereignis, das im Widerspruch zu den Naturgesetzen steht, überhaupt geben kann. Wenn wir etwas beobachten, dass augenscheinlich im Widerspruch zu einem Naturgesetz steht, dann hat entweder etwas mit unserer Beobachtung nicht gestimmt, oder das vermeintliche Naturgesetz wurde falsifiziert und muss durch ein neues, besseres ersetzt werden. Es gibt in diesem Denkrahmen jedoch keine Möglichkeit, in der eine Beobachtung auf ein „Wunder“ oder einen „Gott“ hinweisen könnte. Er hat deshalb bei näherer Betrachtung auch wenig für sich. Denn er schließt, indem er den Naturalismus als Dogma setzt, Wunder a priori aus. Und es tut einer rationalen Erörterung prinzipiell nie gut, von vornerein Irgendetwas auszuschließen, deshalb ist es auch nicht sinnvoll, Naturgesetzte so zu verstehen, dass sie einfach nur den Ablauf der Natur beschreiben, denn dann würden wir Wunder nicht erkennen, selbst wenn sie vor unserer Nase passieren würden. Vielmehr sollten wir ein Naturgesetz so verstehen, dass es den Ablauf der Natur beschreibt, insofern kein supranaturaler Eingriff in die Natur erfolgt. Auf diese Weise ist die Existenz von Wundern nicht von vorneherein ausgeschlossen und kann deshalb nun auch vernünftig überprüft werden.

    Ganz im Einklang mit dieser Definition argumentierte auch David Hume gegen die Annahme von Wundern. Hume wischte Wunderbehauptungen nicht als nur noch nicht verstandene Naturgesetze beiseite, sondern behauptete, dass diese vor dem Hintergrund wahrscheinlichkeitstheoretischer Überlegungen ihre Glaubwürdigkeit verlieren würden:

    Zu Beginn seiner Argumentationsführung fragt er, wieso wir annehmen, dass ein bezeugtes Ereignis, das im Widerspruch zu den Naturgesetzen steht, überhaupt stattgefunden hat. Wenn es für ein Wunder keine glaubwürdigen Quellen gibt, so ist das Wunderargument für die Existenz Gottes damit erledigt, ohne dass es noch weiterer Überlegungen bedarf. Wann aber wäre es generell vernünftig, dem Bericht eines Mannes über ein von ihm wahrgenommenes Wunder Glauben zu schenken? Dies ist nach Hume nur dann der Fall, wenn der Mann weder sich selbst getäuscht hat, noch seine Mitmenschen täuschen möchte.

    – (P1) Je rigoroser diese beiden Täuschungsfälle ausgeschlossen werden können, desto eher sind wir bereit, das bezeugte Ereignis tatsächlich für ein Wunder zu halten.
    – (P2) Des Weiteren dürfte es jedem einleuchten, dass, umso unwahrscheinlicher das bezeugte Ereignis ist, desto glaubwürdiger auch der Zeuge sein muss, damit wir seinen Bericht als wahr akzeptieren.
    – (K1) Daraus folgt nun, dass einem Augenzeugenbericht nur dann Glauben geschenkt werden sollte, wenn die Unglaubwürdigkeit des Zeugen noch unwahrscheinlicher ist als die Realität des berichteten Ereignisses.

    Da ein Wunder nun aber ein extrem unwahrscheinliches Ereignis ist, ist sein Vorkommen in der Realität zwar nicht prinzipiell unmöglich, der Zeuge muss aber schon enorm glaubwürdig sein, so dass eine Täuschung von seiner Seite noch unwahrscheinlicher ist als das Wunder selbst. Wenn also viele glaubwürdige Wissenschaftler bezeugen, dass kein natürlicher Unterschied zwischen dem natürlichem und dem unnatürlichen Wasser besteht, ist dass dann ein (wissenschaftliches) Indiz für einen übernatürlichen Unterschied?