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Archiv für August, 2013

Letztbegründungen

20. August 2013 3 Kommentare

Vor ein paar Tagen habe ich in den Scilogs einen neuen Blogbeitrag von Josef Honerkamp gelesen: Warum gibt es eigentlich irgendetwas und nicht einfach nichts? Die gebräuchlichere Formulierung dieser Frage lautet „Warum gibt es nicht nichts?“, sie ist bereits uralt. Honerkamp führt sie in einem (vermutlich fiktiven) Gespräch mit einem Bekannten ein:

Da war sie wieder – die Frage, die schon Leibniz dem Sinne nach gestellt hat und die bei manchen als eine Grundfrage der Philosophie gilt. Sie hat Myriaden von nachdenklichen Schülerinnen und Schülern, mich eingeschlossen, im Pubertätsalter bewegt. Als Buchtitel wird mit ihr sogar schon für die Beschäftigung mit der Philosophie geworben (Precht, Richard David: Warum gibt es alles und nicht nichts?: Ein Ausflug in die Philosophie, Goldmann Verlag, 2011).

„Wenn ich Ihnen den Grund dafür nennen könnte“, sagte ich, „könnten Sie mir dann erklären, warum dieser Grund gegeben ist?“ Er stutzte: „Ja, letztlich auch wegen dieser kosmischen Intelligenz“. „Und wieso gibt es die – und nicht etwa gar nichts?“

Diese Frage überraschte ihn. Aber ihm dämmerte, dass man bei solchen Fragen immer in einen infiniten Regress kommt, und viele diesen gerne abbrechen, indem sie einen ewigen „Urgrund des Seins“, ein „höheres Wesen, das wir verehren“ oder einen persönlichen Gott einführen, der zudem noch die eigenen Geschicke lenkt. In seinem Buch war es nun die kosmische Intelligenz, für einen Theologen wohl eine etwas verschämte Formulierung.

Tatsächlich ist Honerkamp damit mit seiner Frage, warum es nicht nichts gibt, ohne große Umwege bei einer ganz anderen gelandet, der nach einer Letztbegründung. Wir sind eine Art Kausalitätsmaschinen, wir suchen in jeder Situation, in der etwas geschieht, nach einer Ursache. Das hat sich evolutionär bewährt, denn wenn es neben einem Urmenschen im Gebüsch geraschelt hat, war es für ihn überlebensnotwendig herauszufinden, ob sich da ein Löwe näherte oder ein Kaninchen zu verschwinden versuchte. Hat man die Ursache eines Vorgangs gefunden, die ja ebenfalls ein Vorgang ist, stellt sich die Frage nach deren Verursachung, usw. Bricht diese Kette der Verursachungen irgendwann ab, wäre das die erste Ursache bzw. die letzte Begründung. Nur was wäre dann dessen Ursache? Die Frage nach einer Letztbegründung ist unter anderem so wichtig, weil man zum Beispiel auch in ethischen Fragen nach Gründen für moralisch richtiges (oder falsches) Verhalten sucht.

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Was ist Raum?

8. August 2013 1 Kommentar

Unlängst hat es unter ein paar Bekannten eine Diskussion gegeben, die mit dieser einfachen Frage angefangen hat. Derjenige, der das Thema eröffnet hat, kam mit dem Zitat eines Physikers, mit dem er zuvor eine Unterhaltung hatte:

„Ich komme immer mehr zu der Überzeugung, dass Raum nichts als eine Illusion ist, denn nur dann kann er gleichzeitig alles und nichts sein“.

In der Wikipedia kann man über den Raum lesen:

„Raum ermöglicht allen materiellen Objekten eine Ausdehnung, er selbst existiert als grundlegendes Ordnungsmodell „a priori von den darin vorhandenen Objekten“, nach heutigem Verständnis aber nur in Relation zu ihnen. Wenn der Raumbegriff in diesem Sinne gebildet wird, hat es keinen Sinn, von einem „leeren“ Raum zu sprechen.”

Im Brockhaus findet man:

„RAUM: aus der Geometrie entwickelter, grundlegender Begriff der Physik, der sich, als dreidimensionaler physikalischer Raum, in der Ausdehnung, der gegenseitigen Lage und den Abständen der ‚in ihm eingebetteten‘ materiellen Dinge manifestiert und durch Messungen mit Hilfe geeigneter Maßstäbe konkretisiert wird.“

Eine ganze Reihe weiterer Definitionen findet man hier.

Auch Kant wurde zitiert, in seiner typischen, aus heutiger Sicht verquasten Ausdrucksweise:

„Der Raum ist eine notwendige Vorstellung a priori, die allen äußeren Anschauungen zum Grunde liegt. Man kann sich niemals eine Vorstellung davon machen, daß kein Raum sei, ob man sich gleich ganz wohl denken kann, daß keine Gegenstände darin angetroffen werden. Er wird also als die Bedingung der Möglichkeit der Erscheinungen, und nicht als eine von ihnen abhängende Bestimmung angesehen, und ist eine Vorstellung a priori, die notwendigerweise äußeren Erscheinungen zum Grunde liegt.“

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Zukunftsforschung

3. August 2013 2 Kommentare

In Zeitreisen hatte ich über einen der Artikel im Tagungsband des Symposiums der Mind-Akademie von 2008 geschrieben. Ein weiterer Artikel in diesem Band ist „Zukunftsforschung ohne Orakel“. Verfasst hat ihn Claudius Gros. Offenbar einige Folien von einem ähnlichen Vortrag, wie er im Tagungsband abgedruckt ist, findet man bei Slideshare.

Zukunftsforschung oder Futurologie hat keinen besonders guten Ruf, viele Voraussagen über die Zukunft, die in der Vergangenheit getroffen wurden, erweisen sich in der Gegenwart als kompletter Nonsens. Claudius Gros schreibt dazu:

Aus der Statistik und der Physik ist uns das Gesetz der großen Zahlen wohlbekannt. Wenn wir einmal würfeln, dann können wir nicht vorhersagen, ob wir eine Eins oder eine Sechs erhalten, hier regiert der Zufall. Wenn wir aber sehr häufig würfeln, sagen wir, eine Million mal, dann können wir sehr präzise das Gesamtergebnis abschätzen, inklusive Fehlerbalken.

In der Zukunftsforschung scheint es dagegen kein Gesetz der großen Zahlen zu geben. Wir können zwar recht zuverlässige Trendanalysen betreiben und z. B. die demographische Entwicklung für einige Jahrzehnte in die Zukunft extrapolieren, doch danach wird es zappenduster. Niemand vermag vorherzusagen, wie hoch beispielsweise in 100 oder 200 Jahren die Geburtenrate in Deutschland sein wird, oder wie klein. Bei 0,5 Kindern pro Frau, oder bei 1,3 wie derzeit, oder bei 2,0? Die Unmöglichkeit, eine langfristige Prognose abzugeben, wäre nicht verwunderlich, wenn es um Fragen wie die nach der Sommermode des Jahres 2200 ginge. Niemand würde ernstlich erwarten, dass sich subtile kulturelle Entwicklungen über Jahrhunderte hinweg vorhersagen ließen. Unsere Unfähigkeit, demographische Basisgrößen wie die Geburtenrate langfristig zu prognostizieren, ist dagegen schon bemerkenswert.

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Bleiben wir einen Moment bei der Geburtenrate und versetzen wir uns in die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Menschheit schon einige Jahrtausende Kulturgeschichte hinter sich, und man sollte meinen, der Mensch wäre sich zumindest seiner grundlegendsten biologischen Charakteristika, wie der Fortpflanzungsrate, bewusst. Doch weit gefehlt. Der Pillenknick wurde nicht vorhergesagt. Es war nicht nur Adenauer alleine, der mit seinem berühmten Ausspruch „Kinder bekommen die Leute immer“ vollkommen daneben lag. Von Malthus (1826) bis zur „Grenze des Wachstums“ (Meadows et al., 1972) haben die meisten Menschen frisch-fröhlich den Sexualtrieb mit dem Fortpflanzungstrieb verwechselt und implizit angenommen, das Bevölkerungswachstum würde letztendlich nur durch eine Verknappung der Lebensgrundlagen begrenzt. Es stimmt schon nachdenklich, dass auch mehrere Jahrtausende der Kulturgeschichte für die Menschheit nicht ausreichend waren, um in diesem Punkt zur Selbsterkenntnis zu gelangen.

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