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Archiv für Oktober, 2010

Eine Schwangerschaft und zwei Geburten

21. Oktober 2010 1 Kommentar

Einer meiner Kollegen ist Vater geworden. Seiner Frau sah man die Schwangerschaft in der letzten Zeit deutlich an, bereits im siebten Monat fragte man sich besorgt, wie groß das Kind denn noch werden wolle. Es kam dann auch zwei Wochen zu früh, ist aber kerngesund und die Geburt fiel der Erstgebärenden vergleichsweise leicht. Nach dreieinhalb Stunden war das kleine Mädchen da. Inzwischen sind Mutter und Tochter bereits zu Hause, die Frau heult ab und zu, ein typischer Fall von nachgeburtlicher Depression, weil Östrogen und Progesteron heruntergefahren werden. Aber Schlafmangel soll ja gut gegen Depression sein, und den haben mein Kollege und seine Frau jetzt reichlich.

Die zweite Geburt war ungewöhnlicher. Als ein Vater mit seiner offensichtlich sehr aufgewühlten Tochter telefonierte, fragte er sie halb im Scherz: „Es hat wohl geklappt und du bist schwanger?“ Darauf antwortete sie: „Das Kind ist schon da.“ Sie war mit heftigen Unterleibsschmerzen zum Arzt gegangen, nach kurzer Untersuchung stutzte dieser und rief einen Gynäkologen herbei. Gemeinsam machten sie der Frau begreiflich, dass die Wehen bereits eingesetzt hatten. Auch dieses Kind ist gesund.

Weil mir diese Geschichte so unglaublich vorkam, auch wenn der Mann sie mir persönlich erzählt hat und ich die junge Frau kenne, habe ich im Netz gesucht und das Folgende gefunden:

Unbemerkt schwanger bis zur Geburt
Jan Wessel und Ulrich Buscher von der Berliner Humboldt-Universität haben zwischen dem 1.Juli 1995 und dem 30. Juni 1996 alle 19 Geburtskliniken und fünf Hebammenhäuser im Großraum Berlin auf Fälle untersucht, in denen Patientinnen ihre Schwangerschaft nicht bemerkt haben und die Diagnose erst in der 20. Schwangerschaftswoche oder später von einem Arzt gestellt wurde.

Von den 29.462 in diesem Zeitraum gebärenden Berliner Frauen waren sich 62 ihres Zustands bis zur 20. Woche nicht bewusst, 25 von ihnen erfuhren von der bevorstehenden Geburt gar erst im Kreißsaal. Durchschnittlich wird also eine von 475 Schwangerschaften von den Betroffenen bis zuletzt nicht wahrgenommen.

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In China ist ein Sack Reis umgefallen

19. Oktober 2010 Keine Kommentare

Nicht ohne Grund bin ich in einer der letzten Diskussionen wieder auf dieses schöne Argument gestoßen, es ist vom selben Typ wie der Schmetterling am Amazonas, der angeblich das Weltwetter beeinflussen kann. Dieses Märchen hält sich, seit zu Beginn der Entwicklung der Chaostheorie ein Journalist die Äußerung eines Wissenschaftlers gründlich missverstanden, aufgeschrieben und veröffentlicht hat. Seltsamerweise wird der Sack Reis viel weniger ernst genommen, obwohl der von ihm verursachte Windhauch doch viel stärker ist. Dem Schmetterling kommt man übrigens am schnellsten bei, wenn man den so Argumentierenden mit treuherzigem Blick fragt: „Welcher Schmetterling war es denn?“

Zurück zum Reis. In einer Diskussion fiel die Bemerkung:

Nunja, bis 2012 haben wir noch etwas Zeit zum Vorräte anlegen …

Worauf ich antwortete:

Unlängst habe ich in einem Video, das ich nur wenige Minuten ertragen habe, die schöne Aussage gehört: „Es ist klar, dass 2012 etwas passieren wird. Es ist nur noch nicht ganz klar, wann 2012 sein wird.“

Meiner Meinung nach war 2012 gestern. Als ich nämlich hingesehen habe, lag der Sack Reis auf der Seite. Er war umgefallen. Es ist passiert. Das Ende ist nahe. Fürchtet euch.

reissack

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Der dunkle Fluss

16. Oktober 2010 Keine Kommentare

In den letzten Jahren habe ich den Eindruck gewonnen, dass sich die Physik immer weiter von dem Ziel entfernt, in nächster Zeit ihren Heiligen Gral, die Theory of Everything, zu finden. Durch bessere Geräte, mit denen das Universum beobachtet werden kann, werden immer neue Beobachtungen gemacht, die nicht mit den Erkenntnissen der Quantenphysik beschrieben werden können. Bereits länger bekannt sind dabei zwei Phänomene, die mit den Begriffen „dunkle Materie“ und „dunkle Energie“ beschrieben werden. In jüngerer Zeit sind zwei weitere „dunkle“ Geheimnisse dazugekommen, das „dunkle Loch“ und der „dunkle Fluss“, siehe dazu weiter unten in diesem Text.

Dunkle Materie: Bereits in den Dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts wunderten sich die Astronomen, dass die Sterne in den Galaxien viel stärker um die jeweiligen Zentren rotieren, als sie das eigentlich dürften. Die Galaxien müssten auseinanderfliegen, wenn die Masse der Galaxien ausschließlich aus der der sichtbaren Elemente bestehen würde. Aus diesem Grund vermutet man hypothetische Teilchen, die sich nur über ihre Masse und die davon erzeugte Gravitation bemerkbar machen und so die Galaxien zusammenhalten. Diese Masse muss etwa um den Faktor fünf bis zehn größer sein als die der sichtbaren Bestandteile.
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Heiner Geißler und Stuttgart 21

9. Oktober 2010 Keine Kommentare

Die Vorgänge um den von Heiner Geißler verkündeten Baustopp und dessen nachfolgendes Dementi durch Mappus und Grube sind doch äußerst mysteriös. Man kann sich eine einfache Frage stellen: Ist es denkbar, dass sich ein Politikprofi wie Geissler derart verspricht, wenn es darum geht, eine Situation wie in Stuttgart zu entspannen, die seinem Parteifreund Mappus bei der kommenden Landtagswahl das Amt kosten kann? Wenn dieser ihn vorher selbst als Vermittler vorgeschlagen hat? Die plausibelste Antwort ist, dass Mappus und Grube (der Bahnchef) ihm zuvor einen Baustopp zugesagt hatten (oder einer von ihnen, der andere leugnet ja, überhaupt mit ihm gesprochen zu haben), ihnen aber nachher die finanziellen Folgen aufgegangen sind: Der Baustopp kostet vermutlich kaum weniger als die Fortsetzung, denn den bereits verpflichteten Unternehmen stehen dann Ausfallzahlungen zu, für’s Nichtstun.
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Kunst – Original und Fälschung

7. Oktober 2010 1 Kommentar

Ein Bekannter stellte die folgende Frage:

Was macht eigentlich den Wert eines Kunstwerks aus? Anlass der Frage ist der Skandal um gefälschte Expressionistenbilder. Ein sehr guter Fälscher hat im Stil verstorbener Künstler Bilder gemalt (nicht abgemalt sondern nach Beschreibungen verschollener Bilder sozusagen „nacherfunden“). Dass diese als Originale verkauft wurden, ist natürlich Betrug.

Aber was macht die Originale so viel wertvoller, als die Bilder vom Nachahmer? Der ästhetische Wert kann es ja nicht sein, da die Nachahmer-Bilder für echt gehalten wurden, also ästhetisch kaum hinter den Originalen zurückgeblieben sein können. Ein Bild kann schön sein. Ein Bild kann inspirieren. Ein Bild kann nachdenklich machen… Aber das gilt für beide, Originale und Nachempfindungen.

Warum ist also das eine Bild Millionen Wert, das andere – technisch und ästhetisch gleichwertige – ohne Betrug vermutlich höchstens ein paar Tausend? (Banale Antwort: Weil die Zahlungsbereitschaft halt so unterschiedlich ist. Aber warum ist die Zahlungsbereitschaft so unterschiedlich?)

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Milgram, deutsche Einheit, Heiligendamm, Stuttgart 21

6. Oktober 2010 Keine Kommentare

Vor fast genau 50 Jahren führte Stanley Milgram sein inzwischen berühmtes Experiment durch, siehe Wikipedia oder auch Reto U. Schneiders Buch der verrückten Experimente:

Der Sozialpsychologe Stanley Milgram führt mit 500 Probanden das folgende Experiment durch, angeblich „um eine wissenschaftliche Untersuchung über Gedächtnisleistung und Lernvermögen“ zu machen, man wolle „den Einfluss von Strafen auf den Lernerfolg messen“: Jeweils ein Versuchsteilnehmer sollte einen zweiten überwachen. Wenn dieser eine Frage falsch beantwortet hatte, sollte ihm der erste einen elektrischen Schlag versetzen, für jede falsche Antwort 15 Volt mehr – bis zu einem Endwert von 450 Volt. Was die erste Versuchsperson nicht wusste, dass der zweite, der die elektrischen Schläge erhielt, ein Schauspieler war, der nur zum Schein jammerte, stöhnte, schrie und manchmal am Schluss verstummte.

Die Versuchsperson wurde in der Ausführung der Stromschläge vom Versuchsleiter bestärkt, wenn leise Zweifel an der Richtigkeit der eigenen Handlung aufkamen. Zwei Drittel aller Teilnehmer gingen bis zur Endspannung von 450 Volt. Tatsächlich war das Versuchsziel die Untersuchung der Wirksamkeit von „Gruppendruck“, und das Ergebnis hat seinerzeit viele überrascht. Milgram hat es seine Karriere gekostet, weil man solche Experimente nicht durchführen darf. Paradoxerweise waren ihm viele der Teilnehmer hinterher sehr dankbar, weil er ihnen Seiten ihrer Persönlichkeit gezeigt hat, die sie niemals für möglich gehalten hatten.
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KategorienEthik, Politik Tags: ,