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Archiv für September, 2009

Wie weiter in Thüringen?

30. September 2009 Keine Kommentare

Ein Freund hat mich auf einen Artikel in der „Welt online“ aufmerksam gemacht: SPD-Chef Matschie strebt jetzt ein Linksbündnis an. Er hat mir den Link für den Artikel geschickt, weil wir uns vor einiger Zeit über sprachliche Formulierungen von Journalisten und deren Dekodierung unterhalten haben. Seine rhetorische Frage: Was sagt der Bilduntertitel über die politische Meinung des Artikelautors aus?

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Linke-Boss Bodo Ramelow (l.), SPD-Vorsitzender Christoph Matschie und Grünen-Chefin Astrid Rothe-Beinlich wollen Personalfragen klären, bevor es überhaupt zu Koalitionsverhandlungen kommen könnte

Man hätte in denselben drei Zeilen auch schreiben können:

Von links nach rechts die drei Parteivorsitzenden einer möglichen Koalition: Bodo Ramelow (Linke), Christoph Matschie (SPD) und Astrid Rothe-Beinlich (Bündnis 90 / Die Grünen)

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Wolfgang Prosinger: Tanner geht. Sterbehilfe – ein Mann plant seinen Tod

27. September 2009 Keine Kommentare

Bevor ich dieses Buch gelesen habe, wusste ich nicht, dass es im antiken Griechenland und in Rom bereits gesetzliche Regelungen für Sterbehilfe gab. Allerdings waren auch damals die Meinungen nicht einheitlich, Aristoteles lehnte sie ab, Seneca befürwortete sie. Senecas Argumente klingen auch heute noch modern:

»Wenn der eine Tod unter Qualen, der andere einfach und leicht sich vollzieht, warum sollte diesem nicht die Hand nachhelfen dürfen? Wie ich ein Schiff auswählen werde, wenn ich in See gehen, und ein Haus, wenn ich wohnen will, so den Tod, wenn ich aus dem Leben gehen will.« Die Erlaubnis zum Suizid leitet Seneca – ähnlich wie die Stoiker – von der Zerstörungskraft des Schmerzes ab, der ein »sittliches« Leben nicht mehr möglich mache. »Das Leben braucht nicht unter allen Umständen festgehalten zu werden. Nicht nämlich ist zu leben ein Gut, sondern sittlich zu leben.«

Nach dem Siegeszug des Christentums war es mit diesen Gedanken erstmal vorbei, Suizid galt als schwere Sünde. Gottes Willen ist unerforschlich, also muss man Leiden als Bestandteil des Lebens akzeptieren. Letztlich entsteht so das Problem der Theodizee, denn warum lässt Gott Menschen leiden, die er doch angeblich liebt? Wenn Eltern ihre Kinder quälen oder Polizisten ihre Gefangenen, dann gilt das ja auch nicht als besonderer Ausweis ihrer Liebe. Wenn aber Gottes Willen hier falsch interpretiert wird, dann muss der Vorwurf des Sadismus an seine Exegeten weitergeleitet werden. Wenn jedoch Gott nicht existiert, dann liegt es allein in unserer Verantwortung, wie wir leben und wie wir sterben wollen.
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Ein Donnerstag

25. September 2009 Keine Kommentare

Gestern Vormittag hatte mich mein Chef ausdrücklich zu der Promotionsverteidigung eines Mannes eingeladen, für den er eins der Gutachten geschrieben hatte. Ich wäre wahrscheinlich sowieso hingegangen, denn ich kannte das Arbeitsgebiet des Betreffenden von einer wenige Jahre zurückliegenden Zusammenarbeit. Zwei meiner Kollegen waren ebenfalls anwesend. Einer von ihnen kannte den Kandidaten bereits seit der dritten Klasse ihrer gemeinsamen Schulzeit, der andere war am Thema interessiert.

Es war die beste Verteidigung, die ich jemals erlebt habe. Zu Beginn hatte ich die Befürchtung, dass der Vortragende das Niveau etwas zu niedrig angesetzt hat, aber dieser erste Eindruck war falsch. Der Vortrag ging zwar nur über 25 Minuten, aber die darauf folgende Diskussion dauerte über eine Stunde. Ich habe selten jemanden erlebt, der in einer solchen Prüfungssituation auf schwierige Fragen schnell und ernsthaft nachdenken und angemessene Antworten geben kann. Da alle Gutachten „Magna cum laude“ gewesen waren und auch das Rigorosum entsprechend bewertet worden war, bekam der Betreffende das selten vergebene „Summa cum laude“. Die Professoren der Prüfungskommission waren erkennbar beeindruckt.
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Goldberg und Dresden

20. September 2009 Keine Kommentare

Meine Familie mütterlicherseits stammt aus Oberschlesien, genauer gesagt aus Goldberg. Heute heißt Goldberg Zlotoryja und liegt in Polen. Der Tag, an dem meine Großmutter und meine damals sechsjährige Mutter zusammen mit den meisten anderen Verwandten Goldberg verlassen haben, lässt sich genau angeben: Am 13. Februar 1945 erhielt ihr Zug keine Einfahrt in den Dresdner Bahnhof, weil Militärtransporte Vorrang hatten. So sahen sie das nach den Bombenangriffen der Alliierten lichterloh brennende Dresden von einem etwas erhöhten Punkt auf einem Abstellgleis außerhalb der Stadt.

In Goldberg besaßen meine Großeltern ein Mehrfamilienhaus, dass sie kurz vor dem Krieg endlich abgezahlt hatten. Es war schon etwas älter, aber da mein Großvater Maurer war, sollte das für sie kein Problem darstellen. Meine Großmutter arbeitete ab und zu in einer Hutfabrik. Das Grundstück, auf dem das Haus gestanden hat, muss ziemlich groß gewesen sein, jedenfalls sollen dort etwa 1000 Obstbäume gestanden haben, und es wurden auch Ziegen, Hühner und ein Schwein gehalten. Goldberg selbst war eher eine gutbürgerliche Stadt, das Grundstück meiner Großeltern lag fast am Ortsrand. Jeden Tag zog meine Urgroßmutter mit einem Handwägelchen los, um in der Stadt Küchenabfälle zu sammeln, die als Futter für die Tiere benötigt wurden.
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Mathematik der Arbeitsteilung

15. September 2009 2 Kommentare

Vor einiger Zeit habe ich einen Artikel gelesen, in dem überzeugend dargelegt wurde, dass Arbeitsteilung selbst dann für beide Seiten vorteilhaft ist, wenn eine Seite alles besser als die andere kann. Ein entsprechendes Rechenbeispiel:

Tabelle 1

  X Y
A 0.5h 0.3h
B 0.6h 1.0h

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Volker Pispers

15. September 2009 Keine Kommentare

Ich bin gerade gefragt worden, ob ich der Ghostwriter von Volker Pispers bin. Ich kannte den nicht, also flugs gegoogelt, jetzt fühle ich mich geehrt. Volker Pispers ist ein Freund im Geiste. Hier erklärt er die Vorteile der FDP für Deutschland:


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Spiegeleier

14. September 2009 Keine Kommentare

Am Wochenende hatte ich Zeit, einige ältere Zeitschriften zu lesen. Zum Beispiel im Spiegel 33/2009 vom 10.8. einen sehr freundlichen Artikel über Dieter Althaus. Das war kurz vor der Landtagswahl und man kann es durchaus als eine Art Wahlhilfe verstehen. Die Bildzeitung, die in dem Artikel erwähnt wird, hat das ja auch gemacht. Spiegel und Bild an einem Strang ziehend. Genützt hat es der CDU wenig.

Ich war erst sehr wütend, aber nüchtern gesehen, kann ich keinen objektiven Vergleich darüber anstellen, ob der Spiegel früher mehr ein Nachrichten- und weniger ein Boulevard- und Meinungsmachermagazin war. Ich weiß auch nicht, welche Vorgaben für die Redakteure gelten, wer über was schreiben darf und wer letztlich die Entscheidung trifft, was ins Heft kommt und was nicht.

Mit der Zeit habe ich mir ein paar Sprachdetektoren zugelegt, um das Verhältnis eines Autors zu seinem Gegenstand bereits bewerten zu können, ohne die Fakten selbst zu analysieren. Heißt es zum Beispiel „Parteichef“, dann steht der Autor dem Betreffenden eher kritisch gegenüber, ist es der „Parteivorsitzende“, dann ist er vom selben Lager. Naja, wenigstens hat sich der Teaser des Artikels über Althaus als Fehleinschätzung herausgestellt:

Sieben Monate nach seinem schweren Skiunfall in Österreich steht Dieter Althaus politisch deutlich besser da als vor dem Unglück. Von seiner Schuld am Tod einer Frau ist im thüringischen Landtagswahlkampf kaum noch die Rede. Von Wiebke Hollersen

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Das chinesische Zimmer

12. September 2009 Keine Kommentare

Ich hatte meinen Artikel zum freien Willen noch in einem Diskussionsforum gepostet, einer der Kommentatoren dort war Martin Dresler. Ich kannte ihn bereits aus einer anderen Diskussion zu Klarträumen, er arbeitet am Max-Planck-Institut für Psychiatrie an diesem Thema. In einem seiner Kommentare wies er auf ein neues Buch von ihm hin: Künstliche Intelligenz, Bewusstsein und Sprache. Derzeit ist er einer der Organisatoren der diesjährigen MinD-Akademie „Freiheit und Grenzen“.

Für die 130 Seiten seines neuen Buchs habe ich fünf Abende gebraucht, ich glaube nicht, dass ich alles verstanden habe. Das Niveau ist sehr hoch, ich würde sagen, dass man es, wenn er es noch ein wenig „aufbrezelt“, als Dissertation auf dem Gebiet der Philosophie des Geistes anerkennen könnte. Das ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass er eigentlich auf einem ganz anderen Gebiet arbeitet.

Der Untertitel des Buchs verrät Genaueres über den Inhalt: „Das Gedankenexperiment des Chinesischen Zimmers“. Die Philosophie des Geistes beschäftigt sich mit dem Zusammenhang zwischen den geistigen bzw. mentalen Zuständen, die aus der Erste-Person-Perspektive erlebt werden, und den körperlichen Zuständen, die einer objektivierbaren Messung zugänglich sind, also kurz mit dem Leib-Seele-Problem.
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Richard David Precht: Feigheit vor dem Volk

7. September 2009 2 Kommentare

Diesen Spiegelartikel habe ich erst gestern gelesen, seine Aktualität hat er angesichts der wahrscheinlich über 100 Toten durch deutsche Bomben in Afghanistan erneut gezeigt, und es wird immer so weiter gehen. Verteidigungsminister Jung und viele andere Mitglieder der aktuellen und der vorherigen Regierung werden nicht müde in ihrem Beteuern, Deutschland würde in Afghanistan keinen Krieg führen, und auch nicht in der Wiederholung des Satzes, die Taliban würden sich feige hinter der Zivilbevölkerung verstecken und diese als Schutzschilde missbrauchen.

Sieht man das Ganze mal aus der Perspektive eines Afghanen, sieht die Sache ganz anders aus. Statt hervorzukommen und offen Mann gegen Mann zu kämpfen, bewegen sich die Besatzungstruppen in gepanzerten Konvois durchs Land und werfen mit minimalem eigenen Risiko Bomben aus für die Talibankämpfer nicht zu treffenden Flugzeugen ab.

Anlass für die Alliierten, in Afghanistan einzumarschieren, war der Angriff auf das World-Trade-Center im Jahr 2001. Einige Zeit später wurde der Irak angegriffen. Zieht man eine Bilanz der Opfer, dann stehen 3000 Amerikanern, die im World-Trade-Center starben, inzwischen nach einer regierungsunabhängigen Studie (aus dem Jahr 2006!) über 650.000 Tote, tausende GIs und hunderttausende Iraker und Afghanen gegenüber.
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Magnetische Monopole

5. September 2009 Keine Kommentare

Ein Artikel im Spiegel hat mich neugierig gemacht: Forscher entdecken lang gesuchte Magnetismus-Exoten. Der Artikel beginnt mit einem ziemlich unverständlichen Bild:



Das Bild soll zeigen, wie es erstmalig gelungen ist, mittels „Spin-Effekten“ sogenannte „magnetische Monopole“ zu erzeugen. Danach als Teaser des Spiegel-Artikels:

Sie sind wie Yin und Yang: Nord- und Südpol eines Magneten können nur zusammen auftreten. Doch einem Forscherteam mit deutscher Beteiligung ist es nun zum ersten Mal gelungen, diese Regel außer Kraft zu setzen – und sogenannte magnetische Monopole herzustellen.

In dem Wikipediaartikel über magnetische Monopole wird der Erfolg des Experiments bezweifelt, aber um die Bedeutung zu verstehen, muss man sowieso etwas weiter ausholen:
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