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Archiv für März, 2008

Charlotte Kerner: Kopflos

28. März 2008 Keine Kommentare

„Kopflos“ ist ein Roman, in dem es um die Verpflanzung eines Kopfes auf einen anderen Körper geht. Mit Affen gab es das schon realiter, mit einem, oder, genauer, mit zwei Menschen, noch nicht.

Lassen Sie uns also kurz über diesen Begriff Hirntod sprechen, der oft missverstanden wird und deshalb vielen Menschen Angst bereitet. Dass der Tod vom Gehirn ausgehen kann, blieb jahrtausendelang unsichtbar, weil diese Todesursache nur eines der drei Vorzimmer ist, durch die der Gesamttod zum Menschen vordringen kann: Die zwei anderen sind der Herztod, der den Herzschlag stoppt. Oder der Lungentod, wenn dieses Organ das Atmen aufgibt.

Nimmt der Tod im Gehirn seinen Anfang – vom Hirntod sprach man zum ersten Mal im 18. Jahrhundert – blockt ein erhöhter Druck innerhalb eines Schädels, etwa ausgelöst durch eine Kopfverletzung oder eine Blutung, den Blutfluss zum Kopf ab, dann erlöschen nach kurzer Zeit alle Funktionen im Groß- und Kleinhirn und dem Hirnstamm. Die vom Gehirn gesteuerte Atmung setzt aus, und der Mensch stirbt seinen ganzen Tod wie seit Menschengedenken.

Zwei Tode kann die moderne Intensivmedizin überwinden: Sie bringt ein Herz wieder zum Schlagen und kann so einen Menschen retten. Sie bringt eine Lunge wieder zum Arbeiten, und jemand überlebt. Manchmal jedoch wird ein Körper wiederbelebt und künstlich beatmet, aber das Gehirn geht trotzdem verloren: Seine Zellen reagieren besonders schnell und sensibel, wenn die Sauerstoffversorgung unterbrochen ist. Nach wenigen Minuten stirbt es einsam und abgekoppelt vom Restkörper, dissoziiert eben. Und zurück bleibt ein sogenannter Hirntoter, dessen natürliches Sterben nur durch die maschinelle Beatmung aufgehalten wird.

Der dissoziierte Hirntod, den das zwanzigste Jahrhundert gebar, war nie eine rein naturwissenschaftliche Definition, sondern bis heute auch eine gesellschaftliche Übereinkunft, eine soziokulturelle Definition, der man sicherlich folgen kann, aber nicht muss.

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KategorienGehirn & Geist, Rezensionen Tags:

Nicole Schuster: Ein guter Tag ist ein Tag mit Wirsing

26. März 2008 Keine Kommentare

wirsing

  • Frühstück (von Viertel nach acht bis neun Uhr):
    ein selbstgebackenes Körner-Vollkornbrötchen, dessen untere Hälfte flach abgetrennt und mit einer hauchdünnen Schicht Teewurst bestrichen ist, dazu Apfelspalten
  • Zwischenmahlzeit (von halb elf bis halb zwölf):
    250 Gramm Magerquark mit Milch und Zucker angerührt, 1 Schale Grießbrei oder Haferflockenbrei im täglichen Wechsel, restliche Apfelspalten vom Frühstück
  • Mittagessen (von Viertel vor eins bis eins):
    Ein halber Kopf Wirsing in Tomaten-Knoblauch-Sauce, dazu Kartoffeln
  • Nachmittags (von drei bis halb vier):
    1 kleineres selbstgebackenes Brötchen, zubereitet wie zum Frühstück, dazu Apfelspalten
  • Zwischenmahlzeit (halb fünf bis fünf):
    1 Grießbrei aus der Tüte zum Anrühren mit Wasser, eine Banane
  • Abendbrot (von Viertel nach acht bis Viertel nach neun):
    1 Scheibe selbstgebackenes Dinkelbrot, 1 Stück selbstgebackenes Schwarzbrot, 1 Schale Blumenkohlsalat, 1 Tomate, 2 Äpfel

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K. Passig, A. Scholz: Lexikon des Unwissens

26. März 2008 Keine Kommentare

Sucht man nach einem Bild für unser Wissen und unser Unwissen, dann drängt sich der Vergleich mit einer Insel und dem sie umgebenden Ozean auf. Wenn man bestehende Fragen beantwortet, also gewissermaßen die bekannte Landfläche vergrößert, dann wird auch die Küstenlinie immer länger. In der Einleitung des Buchs wird dieses Bild schöner und ausführlicher expliziert:

Stellt man sich den Erkenntnisstand der Menschheit als eine große Landkarte vor, so bildet das gesammelte Wissen die Landmassen dieser imaginären Welt. Das Unwissen verbirgt sich in den Meeren und Seen. Aufgabe der Wissenschaft ist es, die nassen Stellen auf der Landkarte zurückzudrängen. Das ist nicht einfach, manchmal tauchen an Stellen, die man schon lange trockengelegt glaubte, wieder neue Pfützen auf.

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The brain (honoris causa)

19. März 2008 Keine Kommentare

Nach einem Blick aus dem Fenster, es schneit wie verrückt, habe ich mich heute morgen spontan dazu entschlossen, meine Festplatte und meine Linkliste im Browser zu entrümpeln (Simplify your life), und bin dabei auch auf die folgende Urkunde gestoßen:

Der Teilnehmer hat das uneingeschränkte Recht, die Ehrenurkunde mit sich zu führen, an die Wand zu nageln oder damit bei Freunden und der buckligen Verwandtschaft zu prahlen. Diese Auszeichnung bedarf zur Führung in der Bundesrepublik Deutschland keiner weiteren Genehmigung.

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KategorienAlltag, Intelligenz Tags:

Jill Bolte Taylor

17. März 2008 Keine Kommentare

Jill Bolte Taylor ist eine Neurowissenschaftlerin, die einen Hirnschlag am eigenen Leib erlebt und überlebt und darüber auf einer Konferenz berichtet hat. Hier das Video (20 Minuten, englisch and absolute amazing, wenn man sich nach ein paar Minuten in den amerikanischen Slang eingehört hat):



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KategorienFilme, Gehirn & Geist, Videos Tags:

Die Akte Galilei

14. März 2008 Keine Kommentare


Wie hier berichtet wurde, plant die Katholische Kirche, eine Büste von Galileo Galilei aufzustellen. Nach diesem Blogeintrag gab es einen kleinen Disput über das Verhältnis von Galilei zur Kirche und der Kirche zur Wissenschaft. Ich konnte mich in dieser Diskussion undeutlich daran erinnern, dass die neuere Forschung einige Änderungen zutage gefördert hat.

Wie der Zufall so will, fiel mein Blick heute in der Buchhandlung auf das neue Geo-Kompakt-Heft (Nr. 14). Titel dieses Heftes ist „Die 100 größten Forscher aller Zeiten“. Beim Blättern im Heft stellte ich fest, dass mir viele Namen darin noch unbekannt sind, und kaufte es. Natürlich gehört auch Galilei in die Reihe der größten Wissenschaftler. Das ganze Heft habe ich bis jetzt nur flüchtig überflogen, nur den Artikel über Galilei, mit 6 Seiten einen der längsten, in Gänze gelesen. Für Interessierte im Folgenden einige Passagen:
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KategorienPhysik Tags:

Dagmar Metzger: Gewissen oder politisches Interesse?

13. März 2008 Keine Kommentare

Der Telepolis-Artikel Bäuerinnenopfer analysiert die Motivation der hessischen SPD-Abgeordneten Dagmar Metzger. Diese erhält ja landauf landab viel Anerkennung für ihr aufrechtes Einhalten ihres Wahlversprechens, nicht mit der Linkspartei zusammenzuarbeiten. Peter Nowak gibt in dem Telepolisartikel aber einige andere Aspekte zu bedenken:

Nun hat die hessische SPD-Landtagsabgeordnete Dagmar Metzger ihre Gewissensabstimmung, Ypsilanti gemeinsam mit der Linkspartei zu wählen, mit den Erfahrungen mit der DDR begründet. Ein Großteil der hessischen Linkspartei besteht aus enttäuschten Sozialdemokraten und Gewerkschaftern, aber Personal mit SED-Vergangenheit wird man selten finden. Dass Metzgers Beweggründe so wenig hinterfragt werden, liegt vor allem an der Selbstdarstellung als einer Gewissenstäterin Es wird denn auch der hessischen SPD besonders übel genommen, dass Druck auf Metzger ausgeübt worden sei, damit sie ihr Mandat zurückgibt. Als sie dann erklärte, sowohl ihr Mandat behalten zu wollen, als auch bei ihrer Ablehnung einer Kooperation mit der Linkspartei bleibe, war die Begeisterung in diesen Medien noch größer.

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KategorienPolitik Tags:

Das Urteil des BVG im Inzestprozess wurde heute gesprochen

13. März 2008 Keine Kommentare

Das Urteil des BVG im Inzestprozess wurde heute gesprochen:

Der Paragraf 173 des Strafgesetzbuches (StGB), der den Beischlaf zwischen leiblichen Geschwistern mit einer Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit einer Geldstrafe ahndet, sei mit dem Grundgesetz vereinbar, heißt es in der heute veröffentlichten Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts.

Die Natur hat selbst ein paar Vorkehrungen getroffen, die gemeinsame Zeugung von Kindern durch genetisch nahe Verwandte zu verhindern: Geschwister mögen und unterstützen sich, finden sich i.a. aber sexuell nicht attraktiv. Es ist die Frage, ob es in unserer aufgeklärten Zeit noch eine explizite juristische Regelung geben muss und mit welcher Begründung sie erlassen wird.

Der Vorsitzende des 2. Senats und Vizepräsident des BVG, Winfried Hassemer, stimmte gegen das Urteil, für ihn ist das Gesetz nicht verhältnismäßig. Besonders bedenklich finde ich die eugenische (Teil-)Begründung der anderen Richter:
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KategorienEthik, Politik Tags:

Handbuch gegen Argumentationsfehler

12. März 2008 Keine Kommentare

Gestern habe ich mich aus aktuellem Anlaß an einen uralten Link erinnert: Das „Handbuch gegen logische Argumentationsfehler“, eine Übersetzung aus dem Englischen durch den Flötenfuchs. Den originalen Link gibt es nicht mehr, eine Kopie findet man hier. Leider hat der Flötenfuchs in einem sehr zeitigen Stadium aufgegeben. (Ich meinen eigenen Versuch vor etwa 2 Jahren allerdings auch.) Im englischsprachigen Teil des Netzes wird man aber mit dem Googeln nach logical fallacies sehr schnell fündig.

Die „logical fallacies“ bieten eine systematische Methode, die Argumentationen seines Gegenübers zu analysieren. Die Grundmethode soll schon auf die Aristoteles zurückzuführen sein, aber auch heute noch wird versucht, wiederkehrende Muster in der Kommunikation zu finden, neue Argumentationsfehlertypen zu formulieren oder neue Beispiele bereits bekannter Fehler aufzuspüren.
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KategorienAlltag, Logik Tags:

Susan Blackmore: Gespräche über Bewusstsein

11. März 2008 Keine Kommentare

Ich habe schon einige Bücher zu Themen wie Bewusstsein, Willensfreiheit, philosophische Zombies gelesen, die meisten verfasst von Wissenschaftlern, die auf diesem Gebiet arbeiten (Christof Koch, John R. Searle, Gerald Edelman, Benjamin Libet). Beim Lesen von Susan Blackmores Buch ist mir bewusst geworden, warum ich dabei so wenig Klarheit gewonnen habe. Der Text auf dem hinteren Einband bringt das Phänomen auf den Punkt:

Susan Blackmore „Glauben Sie, einen freien Willen zu haben?“
Patricia Churchland „Sicher nicht, wenn Sie damit meinen, dass meine Entscheidungen nicht verursacht sind.“
John Searle „Tja, in diesem Punkt habe ich gar keine Wahl!“
Roger Penrose „Ich weiß es nicht.“
Daniel Dennet „Ja.“

Das heißt, wenn N Menschen auf dem Gebiet der Erforschung des Bewusstseins arbeiten, dann gibt es mindestens N+1 Theorien gleichzeitig, weil jeder der Beteiligten eine andere Meinung vertritt und mindestens einer zum aktuellen Zeitpunkt gerade eine neue Theorie entwickelt, die mit seiner zuvor vertretenen inkompatibel ist.
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